BASF und andere bauten und bauen in letzter Zeit massiv Stellen ab auf dem Platz Basel. Das führt fast natürlicherweise zur Frage:
Wieviele Menschen arbeiten eigentlich in welchen Branchen in Basel-Stadt? Und wie haben sich diese Verhältnisse verändert über die letzten Jahre?
So umittelbar einleuchtend es erscheint, dass eine aktuelle, laufend nachgeführte Statistik mit den effektiven Zahlen der im (nicht beim!) Kanton Beschäftigten (vielleicht sogar aufgeteilt nach Branchen) eine relevante Kenngrösse wäre zur Beurteilung der ökonomischen Prosperität dieser politischen und wirtschaftlichen Einheit, so ernüchternd ist die Suche danach. Sie führt ins Leere! Es gibt sie nicht.
Nicht beim kantonalen Amt für Statistik. Dort gibt’s zwar eine quartalweise aktualisierte Tabelle der “Beschäftigung in der Nordwestschweiz (BESTA)“. Die “Nordwestschweiz” ist aber der Zusammenzug der Zahlen von BS, BL und AG.
Und: Die BESTA ihrerseits beruht zudem nicht auf effektiven Zahlen, sondern auf einer
repräsentativen Stichprobe von 62’000 Betrieben des sekundären und tertiären Sektors.
Diese rapportieren per Fragebogen an das Bundesamt für Statistik, das die Daten nach Grossregionen (z.B. Nordwestschweiz = BS + BL + AG), nicht nach Kantonen (!), auswertet. Als Grund für diese geographische Unschärfe antwortet der zuständige Francis Saucy:
L’échantillon est tiré de manière à fournir des résultats fiables au niveau des grandes régions et nous produisons des résultats à ce niveau
Auf die Frage, ob sich denn aus den Daten keine Kantonszahlen extrahieren liessen, schreibt er:
Nous ne pouvons donc pas fournir des résultats pour chacun des cantons. Les cantons et grandes villes qui le souhaitent ont la possibilité de financer des compléments d’échantillon. C’est le cas de GE, NE, SG, VD et StadtZurich. Les résultats que nous produisons pour eux sont publiés directement par ces régions.
Einige Orte investieren also extra in die Beschäftigtenstatistik. Die Nordwestschweizer nicht. Ergo gibt’s die Beschäftigtenzahlen zu Basel-Stadt auch: Nicht beim Bundesamt für Statistik.
Und ebenso:
Nicht beim Amt für Wirtschaft und Arbeit. Das AWA publiziert zwar fleissig jeden Monat zur “Lage auf dem Basler Arbeitsmarkt. Aber darin steht lediglich, was sich in Sachen Arbeitslosenzahlen resp. offene Stellen tut.
Hansjürg Dolder, Leiter des AWA erklärt auf Anfrage, dass auch sein Amt die Zahlen des BfS verwende. Gefragt danach, ob eine Statistik darüber existiere, wieviele Menschen auf Kantonsgebiet arbeiteten, erklärt er,
dass es auf Kantonsniveau keine aktuelle mit den Arbeitslosenzahlen vergleichbare Zahlenreihe zur Beschäftigung gibt.
Nicht einmal der “Wirtschaftsbericht 2012” des Regierungsrats nennt auch nur eine einzige absolute Zahl zu den Beschäftigten im Kanton. Dafür ventiliert er seeehr viiiel warme Luft! Und ohne eine einzige Zahl als Beleg orakelt er freihändig auf Seite 30:
Zudem überdeckt der Erfolg der LifeSciences-Industrie gewisse Schwächen in anderen Branchen, deren Entwicklung in den letzten rund 15 Jahren weder punkto Wertschöpfungswachstum noch punkto Beschäftigung mit der stärksten Branche mithalten konnten. Besonders bei der Beschäftigungsentwicklung weist Basel-Stadt Schwächen auf und konnte, über eine längere Frist betrachtet, nicht mit dem Nachbarkanton Basellandschaft oder mit anderen Schweizer Regionen mithalten.
In dem im August 2012 erstellten Dokument ist die aktuellste Aussage die auf Seite 1:
Die Zahl der Erwerbstätigen ist im Kanton Basel-Stadt zwischen 2008 und 2010 leicht um 0,5% p.a. gestiegen.
Natürlich ohne absolute Zahl oder Quellenangabe. Der Bericht erfüllt generell den Mindeststandard, dass Zahlenangaben per Referenz auf ihre Quelle belegt gehören, nicht. So könnte – theoretisch – der “Wirtschaftsbericht 2012″ frei erfunden sein, oder voller kreuzfalscher Zahlen stecken. Niemand würd’s merken.
Offenbar geht das so durch bei Verwaltung und Regierung. Und auch das Parlament nickte den Bericht am 12.9.2012 ab.
Peter Laube, Vize-Chef des Statistischen Amtes Basel-Stadt, erklärt die Sache freundlicherweise in einem Mail dieser Tage. Es ist so:
Zuerst zum Status Quo: Die Beschäftigungsstatistik (BESTA) ist eine vierteljährliche Stichprobenerhebung des Bundesamtes für Statistik, die Ergebnisse auf Ebene der sog. Grossregionen liefert. Die Grossregionen sehen folgendermassen aus.
Genferseeregion GE, VD, VS
Espace Mittelland BE, FR, JU, NE, SO
Nordwestschweiz AG, BL, BS
Zürich ZH
Ostschweiz AR, AI; GL, GR, SG, SH, TG
Zentralschweiz LU, NW, OW, SZ, UR, ZG
Tessin TI
Von der Möglichkeit einer kantonalen Erhöhung der BESTA-Stichprobe hat Basel-Stadt, wie übrigens die allermeisten Kantone abgesehen. Zum einen wären die Kosten sehr hoch, zum anderen die Belastung der vierteljährlich Auskunft gebenden Betriebe kaum zu verantworten. Vor allem aber kommt hinzu, dass mit der derzeitigen Neukonzeption der Betriebszählung die Beschäftigtenzahlen künftig jährlich, auch auf Kantonsebene vorliegen werden. Die Betriebszählung, neben der Volkszählung traditionell die andere grosse landesweite Vollerhebung im 10-Jahresrhythmus, fand ursprünglich in den 5-er Jahren (1975, 1985 …) statt. Um der sich schnell ändernden Wirtschaftsstruktur gerecht zu werden, wurde die Periodizität in den 90-er Jahren erhöht (1995, 1998, 2001, 2005, 2008). Mit dem Übergang von Erhebungen zu registerbasierter Statistik wurden die Daten von 2011 nicht mehr aufwändig durch das Bundesamt für Statistik bei allen Betrieben erhoben, sondern erstmals den AHV-Registern entnommen. Das ist ein Paradigmenwechsel, der zumindest in der Anfangsphase noch keine zeitliche Verbesserung bringt. Die Daten werden vorerst wie bisher nach rund zwei Jahren vorliegen, also vom Herbst 2011. Aber: Die Daten werden künftig jährlich zur Verfügung stehen und es ist davon auszugehen, dass sich die Zeit zwischen Stichtag und Publikation verringern dürfte.
Künftig werden somit jährlich detaillierte Daten zur Beschäftigung auf Kantonsebene vorliegen.
Fazit: In Zukunft wird alles besser, dank AHV-basierten Zahlen, die zu jährlichen Statistiken ausgewertet werden. Aber irgendwie bleibt ein schaler Beigeschmack zurück, dass es bis dato tatsächlich keine (mindestens quartalsweise) aktuellen, effektiven Zahlen gibt über die Anzahl Beschäftigte (wenn möglich: nach Branchen) in Basel-Stadt. Das kann, auch für Statistikskeptiker, zugespitzt fast nur eines heissen:
Das Wirtschafts- und Sozialdepartement und das Finanzdepartement fällen ihre wirtschaftspolitischen Entscheidungen (soweit sie überhaupt solche fällen) seit Jahr und Tag so gut wie im Blindflug! Für die Wirtschaftsförderung existiert kaum eine solide Erfolgskontrolle. Und: Dem Parlament war das bis anhin schnuppe.




