Erlenmatt-Nord: Und ewig rauscht die Autobahn

Es braucht einen baulichen Sondereffort, um die Lärmgrenzwerte am Nordende der Erlenmatt einzuhalten. Die Rampen der Nordtangente bekommen demnächst rund 700 Meter lange Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

(in redigierter Fassung am 12.6.2014 in der online-TagesWoche)

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt, in den exponierteren unter den 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft «Patrimonium» auf das nördlichste Baufeld (G) stellt, wird das schwierig. Er ist auf drei Seiten umgeben von Autobahn, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen.

Laut Messtelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen, unmittelbar beim Tunneleingang, wo die Autobahn unter den Riehenring taucht, verkehren darauf, beide Richtungen zusammengezählt, 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: Steigend!

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Planungswerte nicht eingehalten

Berechnungen des Ingenieurbüros «Gartenmann Engineering», 2012 angestellt im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE), zeigen, dass auch mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen, die so genannten «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt der so genannten «Empfindlichkeitsstufe III» zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60dB laut sein, in der Nacht 50dB. Diese Werte gelten bei jenem Fenster, das zur Belüftung der Räume dient. Die theoretischen Berechnungen von Gartenmann kommen an den Nordenden der teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häuser aber, trotz Lärmschutzwänden, auf Werte zwischen 67,9 dB und 57,3 dB am Tag und 61,9 dB und 50,4 dB in der Nacht. Insbesondere nachts werden die ankommenden Autobahngeräusche ergo noch zu laut sein.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste Bauherrin «Patrimonium» reagieren. Laut AUE «wird vorgesehen, dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung mag ja ganz nett sein. Wenn sie in einer heissen Sommernacht aber geschlossen bleiben muss, weil’s sonst zu laut ist im Schlafzimmer, vergrault einem das die Freude daran. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai dieses Jahres Leiter des Amts für Umwelt und Energie, widerspricht. Die Loggiafenster dürfen auch offen sein, sodass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Der Lärm von der Autobahn her wird also wohl, trotz Loggia, in so manchem Schlafzimmer des «Patrimonium»-Blocks zu hören sein, allerdings mit einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen, denn der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Die Überbauung von «Patrimonium» auf Baufeld G wird aus zwei länglichen, zum Riehenring parallelen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel, auf der Seite des Riehenrings, erhält 8 Geschosse und ist damit höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Ausser in dessen Parterre ergeben dort die Berechnungen von Gartenmann für alle Etagen über dem «Planungswert» liegende Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden.

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände, entlang der rechten Spur der Autobahnrampen, gehen zu Lasten der «Bautrag Infrastructure AG» in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin «Vivico». Im städtebaulichen Rahmenvertrag, den 2002 die damalige Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton Basel-Stadt mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin «Vivico Real Estate» unterzeichnet hatte, ist auf Seite 4 festgehalten, dass die «Finanzierung des Schallschutzes» «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» von den Grundeigentümerinnen, resp. deren Nachfolgerinnen, getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Der Baubeginn ist, laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, führt der Tunnel der «Herzstück» genannten Zugsverbindung zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB in der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung genau unter Baufeld G hindurch. Ob also dereinst das dumpfe Rumpeln der Züge, à la Elsässerbahn unter der Strassbugerallee, im Block der «Patrimonium» periodisch den andauernden Autobahnlärm ergänzt, wird davon abhängen, ob dieses Milliardenprojekt realisiert wird.

Warum die Rivella Studie mit Vorsicht zu geniessen ist

Der Hirnscanner des Basler Unispitals zeigt die Wirkung eines Softdrinks mit Grüntee-Extrakt auf Versuchspersonen. Die Resultate sind mit Vorsicht zu geniessen und lassen sich nicht verallgemeinern.

(In der Form publiziert am 17.4.2014 in der TagesWoche. Weiter unten, nach dem Text des eigentlichen Artikels: Die einem der Studienautoren und Rivella gestellten Fragen und deren Antworten)

Man nehme zwölf gesunde, zwischen 18 und 35 Jahre alte Basler Rechtshänder. Man stopfe ihnen ein Schläuchlein durch den Mund bis in den Magen und flösse ihnen auf diesem Weg mehrfach entweder einen halben Liter Rivella Grün oder Rivella Blau ein. Das Rivella Blau süsse man zuvor nach auf denselben Zuckergehalt wie das grüne. Zweck des Magenschlauchs an Zunge und Gaumen der Versuchspersonen vorbei: Sie sollen nicht schmecken, ob Grün oder Blau in sie hineinrinnt.

Danach stecke man die so rivellagefüllten Probanden in einen Hirnscanner. Und lasse sie gleichzeitig einfache Gedächtnistests absolvieren, wie – einen Knopf drücken, wenn der ihnen soeben gezeigte Buchstabe der gleiche ist, wie der als Vorletzter gezeigte. Das Ganze wiederhole man vier Mal im Abstand einer Woche.

Leuchtende Gehirnregionen

Und siehe da: Mit der Zeit leuchten während den Tests die Rivella-Grün-Gehirne auf den Bildschirmen im Kontrollraum an gewissen Stellen heller auf als jene Gehirne auf Rivella Blau. Allerdings schneiden die Rivella-Grün-Versuchspersonen in den Gedächtnistests nicht relevant besser ab trotz stärkerer Signale aus ihren Gehirnen.

Der Psychiater Stefan Borgwardt, leitender Arzt am Basler Zentrum für Diagnostik und Krisenintervention der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK), ist mitverantwortlich für diese 2012 durchgeführten Versuche. Für ihn belegt das vor Kurzem publizierte Resultat, dass in den Rivella-Grün-Gehirnen zwei für das Kurzzeitgedächtnis zuständige Areale besser verknüpft sind als in den Rivella-Blau-Gehirnen.

Verantwortlich dafür ist seiner Einschätzung nach jenes halbe Gramm industriell hergestellten Grünteeextrakts, um das sich die beiden Softdrinks pro Liter hauptsächlich unterscheiden. Zwar schwimmen in Rivella Grün im Unterschied zu Rivella Blau auch noch Gerstenmalz-Extrakt, der Süssstoff Sucralose und die Vitamine C und B6. Die hätten aber keinen Einfluss, meint Borgwardt und argumentiert anhand entsprechender Untersuchungen Dritter.

Der Extrakt in Rivella Grün besteht natürlicherweise bis zu einem Zehntel aus Koffein. Im Fachartikel über die Versuchsergebnisse heisst es denn auch, es sei nicht auszuschliessen, dass das Koffein für die beobachteten Effekte mindestens mitverantwortlich sei. Schwarztee oder Kaffee könnten also dieselbe Wirkung zeigen.

Rivella als Sponsor

Rivella hat die Versuche mitfinanziert. Laut Stefan Borgwardt nahm die Firma aber keinen Einfluss auf die Publikation. Auch werde sie die Resultate nicht zu Werbezwecken verwenden, versichert Rivella, zumal «auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden» habe. Nicht dazu äussern wollte sich Rivella, wie viel sie bezahlte und wie der Kontakt zu den Forschenden in Basel zustande kam. Borgwardt seinerseits ging nicht auf die Frage ein, ob er bereit sei, die Kooperationsvereinbarung mit Rivella zu veröffentlichen.

Die Universität Basel und die UPK verbreiteten die Resultate von Borgwardt und Mitforschenden in einer PR-Meldung unter dem Titel «Grüner Tee beeinflusst das Gehirn». Diese Aussage ist insofern ungenau, als die Ergebnisse nur für den einen industriellen Grünteeextrakt gelten, der Rivella Grün zugesetzt wird, nicht für Grüntee generell. Sie seien auch nicht auf andere, in unterschiedlichsten Varianten erhältliche Extrakte übertragbar, bestätigt Borgwardt: «Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen.»

Extrakt versus Naturverbund

Die Tübinger Ärztin und Lehrbuchautorin Dr. med. Susanne Bihlmaier, Dozentin für Naturheilverfahren, nimmt die PR-Meldung zur «Rivella-Studie» kritisch zur Kenntnis. In Industrie-unabhängigen Untersuchungen zeige sich immer wieder, «dass wirksame Inhaltsstoffe im Naturverbund besser aufgenommen werden als in der künstlichen Verdichtung von Extrakten», sagt Bihlmaier. Das sei belegt beim Tomaten-Inhaltsstoff Lykopin, beim Rotwein-Inhaltsstoff Resveratrol oder bei Vitamin C. Noch eindrücklicher sei eine Studie zur Klasse der Soja-Inhaltsstoffe Isoflavone. Soja als Nahrungsmittel könne vor Brustkrebs schützen, während gewisse Isoflavone, werden sie als Extrakt an Spezialmäuse verfüttert, mehr Krebs hervorriefen.

Am besten geniessen wir also weiterhin in Ruhe die zu Hause selber gebraute Tasse Grüntee.


Vor dem Schreiben des Artikels gestellte Fragen an Stefan Borgwardt und seine Antworten (der Austausch zog sich über mehrere Tage hin):

1. Frage: Eine Laien-Verständnisfrage. Sie schreiben über die Zusammensetung des Grünteeextraktes: “Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC).”

Wie muss ich diese Angabe lesen? Heisst das, das Extrakt, gewonnen aus den Blättern der Camellia sinensis, besteht zu rund 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: rund 64% – Woraus besteht der Rest?)

Antwort Borgwardt: Ja. Rivella Grün enthält neben den üblichen ingredients 0,05 % standardized green tea extract. Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC). One gram of extract corresponds to 5.5 g of green tea leaves.

Frage: Oder heisst dies, das dem Rivella beigemischte Grünteeextrakt besteht a) aus dem Extrakt der Blätter und b) zudem zu 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: 64% Polyphenole, Koffein, Theobromin, Theanin PLUS 37% Blätterextrakt)

Antwort Borgwardt: Nein.

Frage: Also letztlich: Wird dem Grünteeextrakt zusätzlich u.a. Koffein zugesetzt, oder ist es ein natürlicher Bestandteil davon?

Antwort Borgwardt: Nein, es wurde kein Koffein zugesetzt. Grünteeextrakt selbst enthält natürlicherweise Koffeein.

2. Frage: Sie schreiben im Paper:

In contrast to the imaging results, we observed no significant effect of green tea consumption on task performances.

In der Medienmitteilung hingegen steht:

The MRI showed increased connectivity between the parietal and the frontal cortex of the brain. These neuronal findings correlated positively with improvement in task performance of the participants.

Dito im Artikel bei Sciencedaily:

Subjects tested significantly better for working memory tasks after the admission of green tea extract.

Einmal also im Paper “no significant effect on task performance” und einmal “improvement in task performance” resp. “significantly better for working memory tasks”. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Antwort Borgwardt: Dies ist kein Widerspruch, es sind zwei verschiedene Analysen:

- Working memory performance (also die Leistung): There was a strong trend toward a significantly improved task performance as expressed by the sensitivity index d′ after consumption of green tea extract [mean (SD): 3.23 (0.42)] compared with the control drink [mean (SD): 2.84 (0.45); t(11)=2.041; p=0.066; Fig. 2]. Dies bedeutet, dass es zwar einen klaren Trend (p<0.066) gab, aber keine statistische Signifikanz (wäre p<0.05) (deshalb: "we observed no significant effect of green tea consumption on task performances").

- Effective connectivity results: ... Importantly, we found a significant positive correlation between the effect of green tea on task performance and right SPL→right MFG connectivity (r=0.637, p=0.035; Fig. 5). Das bedeutet, dass es eine positive, statistische signifikante Korrelation zwischen der connectivity (also dem imaging Resulat) und der Leistung gab.

3. Frage: Sie schreiben:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

Warum haben Sie ergo das Grünteeextrakt nicht von vorneherein in Reinform verabreicht?

Antwort Borgwardt: Wir wollten einen standartisierten Grünteeextrakt verwenden. Wir hätten grundsätzlich auch Grünteeblätter nehmen können, hätten dann aber mit immer anderen Zusammensetzungen (siehe oben) zu tun gehabt. Es wäre daher nicht möglich gewesen, einheitliche Dosen zu verwenden. Eine gleichbleibende definierte Zusammensetzung garantiert nur ein kommerziell hergestellter Extrakt.

4. Frage: Wenn Sie de facto nicht sagen können, ob das reine Grünteeblätterextrakt oder das Koffein oder sonst ein Bestandteil von Rivella Grün für den mit den bildgebenden Verfahren sichtbare Effekt verantwortlich ist, steht der Titel des Papers auf eher tönernen Füssen: “Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing”. Sehe ich das richtig?

Antwort Borgwardt: Aus meiner Sicht reflektiert der Titel genau den Inhalt und das Ergebnis der Studie: Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing. Sie fragen nach differentiellen Effekten innerhalb des Grünteeextraktes (also ist welches der Katechine ist für die Wirkung verantwortlich, also Epigallocatchin Gallat (EGCG) oder Koffein oder auch andere). Diese Frage war in dieser Studie nicht die Forschungsfragestellung (Hypothese), sondern lediglich wie sich der gesamte Grünteeextrakt auf neurale Prozesse auswirkt, da möglich ist, dass sich die verschiedenen Inhaltsstoffe auch wechseitig in ihrer Wirkung verstärken können.

5. Frage: Warum haben Sie Rivella Grün mit Rivella Blau verglichen und nicht z.B. Rivella Grün und andere grünteeextrakthaltige Softdrinks und reines Grünteeextrakt mit einer Kontrollgruppe, die z.B. Wasser trank?

Antwort Borgwardt: Wir wollten für zwei “Konditionen” vergleichen, die sich – bis auf Grünteeextrakt – gar nicht oder sehr wenig unterschieden. Daher wäre ein Vergleich mit Wasser nicht sinnvoll gewesen, stattdessen ist der Softdrink (ohne Grüntee-Extrakt) die Placebo-Kondition. Wenn wir Rivella Grün mit anderen grünteeextrakthaltigen Softdrinks verglichen hätten, hätten sich diese in zwei Faktoren unterschieden: a) im den unterschiedlichen Grünteeexktrakten mit wahrscheinlich unterschiedlichem Wirkstoffkonzentrationen und b) durch Unterschiede zwischen den Softdrinks, was nicht der Forschungsfragestellung entsprochen hätte.

6. Frage: Die Studie wurde finanziert von Rivella. Sind Sie bereit, die Kooperationsvereinbarung mit und die finanziellen Leistungen von Rivella zu veröffentlichen?

Antwort Borgwardt: Die Studie wurde durch Rivella mit einem “unrestricted grant” teilfinanziert. Da es eine initator-driven study war, hatte Rivella “no role in study design, collection, analysis, interpretation of data, writing of this report, and in the decision to submit the paper for publication.” Ausserdem wurde die Studie durch andere z.B. das University Hospital Basel massgeblich finanziert.

7. Frage: In Ihrer Medienmitteilung schreiben Sie:

Die Forschungsresultate haben grosses Potenzial für die klinische Anwendung: Die Erforschung der Konnektivität zwischen den Hirnregionen während der Verarbeitung von Arbeitsgedächtnisaufgaben könnte helfen, die Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz zu beurteilen.

Ihre Studie kann, wie Sie im Abschnitt “Limitations” schreiben, nicht ausschliessen, dass die beobachteten Effekte vom Koffein oder anderen Bestandteilen, die NICHT Grünteeextrakt sind, ausgelöst wurden. Was führt Sie vor diesem Hintergrund zur Aussage im Communiqué, die Ergebnisse könnten helfen, die Effektivität von grünem Tee “für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz” zu beurteilen?

Antwort Borgwardt: Die Studie zeigt eine Möglichkeit mittels funktioneller Bildgebungsmethoden die neuronalen Korrelate – von bereits in früheren Studien nachgewiesenen Effekten von Grüntee-Extrakt – aufzuzeigen. Funktionelle Bildgebungsstudien und Konnektivitätsuntersuchungen werden bei verschiedenen neuropsychiatrischen Erkrankungen eingesetzt, um Assoziationen zwischen klinischem Zustandsbild und Hirnfunktion zu untersuchen.

8. Frage: Die 12 Teilnehmer ihrer Studie waren zwischen 18 und 35 Jahre alte, gesunde Männer (gemäss clinicaltrials.gov). Was führt Sie, ausgehend von diesem Sample, dazu, auf eine mögliche “Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von (…) Demenz” zu schliessen?

Antwort Borgwardt: Hintergrund sind die in der Einleitung genannten Studien: Furthermore, higher consumption of green tea has also been associated with a lower prevalence of cognitive impairments in older adults (Kuriyama et al. 2006). Comparable results were obtained in another study investigating the association between green tea consumption and cognition in 2,501 people aged over 55 years by showing that the intake of green tea was significantly related to a lower prevalence of cognitive impairments (Ng et al. 2008). In addition to preventing cognitive decline, green tea consumption might even lead to better cognitive performances in community-living older adults (Feng et al. 2010), which may indicate a cognitive enhancing effect in healthy subjects.
In der Diskussion werden dann die potentiellen biologischen Mechanismen (oxidativer Stress, NMDAR etc) sowie der Zusammenhang zur Alzheimer Erkrankung im Detail diskutiert (ganzer Abschnitt: Plasticity-dependent mechanism underlying the effect of green tea on cognitive functioning).

9. Frage: Rivella Grün enthält laut Ihrem Artikel 25g/l Fructose, dem Rivella blau wurden gemäss Paper 25g/l Sucrose hinzugefügt. Auf der Website von Rivella ist nachzulesen, dass Rivella Grün pro Liter 16g Lactose und 24g Fructose enthält (wörtlich: “1 Becher (250ml) enthält Zucker 10g – davon 4g Milchzucker aus Milchserum und 6g (Rest) Fruchtzucker”). Rivella Blau enthält laut Rivella-Website pro Liter 16g Lactose.

Die beiden Versuchsgetränke unterschieden sich ergo nicht nur hinsichtlich des Grünteeextrakts, sondern auch hinsichtlich der Zuckerarten. Versuchsrivella Grün: 16g Lactose + 24g Fructose, Versuchsrivella Blau: 16g Lactose (nicht Fructose) + (zugesetzte) 25g Sucrose. Können Sie ausschliessen, dass die von Ihnen beobachteten Effekte auf die Unterschiede der enthaltenen Zuckerarten zurückzuführen sind?

Antwort Borgwardt: Die beiden Getränke waren vom Geschmack her “equisweet”. Rivella blau wurde mit Zucker versetzt (= Sucrose; diese besteht aus 1 Molekül Glucose plus 1 Molekül Fructose); dies ergibt für Rivella blau also in etwa 12.5 g Fructose der Rest Glucose). Für Details bitte auch Antwort auf Frage 10.

10. Frage: Lieferanten für Grünteeextrakt gibt es sehr viele. Die B2B-Plattform Alibaba nennt z.B. über 1’000. Sie liefern Grünteeextrakte unterschiedlichster Zusammensetzung. Der Titel Ihres Papers “Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing” spricht generell von “Green tea extract”. Die Zusammensetzung davon kann allerdings sehr stark variieren. Das Paper spezifiziert unter “Composition of test drinks” die Zusammensetzung des konkreten verwendeten Grünteeextrakts.

Inwiefern sind Ihre Beobachtungen verallgemeinerbar von jenem einen Extrakt von dem einen Lieferanten, den Rivella beimischt, zu anderen Extrakten anderer Lieferanten?

Antwort Borgwardt: Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen. Wir haben lediglich den im Paper beschriebenen Extrakt untersucht.

11. Frage: Gemäss der Etiketten unterscheiden sich die beiden von Ihnen verwendeten Rivellas in mehrfacher Hinsicht, nicht nur in der Tatsache, dass die grüne Variante Grüntee-Extrakte enthält. Zwar haben Sie, wie im Paper beschrieben, der blauen Variante Zucker (Sucrose) hinzugefügt, um den Gesamtzuckergehalt auszugleichen, aber dann sind da immer noch die Vitamine C (laut einiger Quellen hat dieses auch einen Einfluss auf die Gehirnaktivität) und B6, das Gerstenmalz-Extrakt, das in der grünen Variante drin ist, aber nicht in der blauen und die unterschiedlichen verwendeten Süssstoffe.
Darum stellt sich mir, mit Verlaub, umso dringender und ernsthafter die Frage, wie Sie so sicher sein können, dass die mittels bildgebender Verfahren beobachteten Unterschiede tatsächlich alleine auf das Grüntee-Extrakt zurückzuführen sind, und nicht auf einen der anderen, nur in Rivella Grün enthaltenen Stoffe. Insbesondere wäre ich froh, Sie könnten mir erläutern, was für Sie die überzeugenden Argumente sind, dass die beobachtete Wirkung vom Grüntee-Extrakt ausgeht und nicht von einem anderen Inhaltsstoff.

Antwort Borgwardt: In Rivella Grün sind enthalten in 250 / 500 ml: 30 / 60 mg Vitamin C und 0.75 / 1.5 mg Vitamin B6. Selbst wenn man eine 100% Aufnahme der Vitamine in das Blut (=Bioverfügbarkeit) annehmen würde, würde nach einmaliger, akuter Gabe von Rivella nur Butkonzentrationen von 30 mg / 5 Liter Blut = 6 mg/L (250 ml Rivella) oder 12 mg /L Vitamin C resultieren.

In diesen Konzentrationen ist Vitamin C ohne irgendwelche Effekte auf mentale Effekte, wie die nachfolgende Publikation zeigt:
Am J Clin Nutr. 1981 Sep;34(9):1712-6. Lack of effect on mental efficiency of extra vitamin C. Adam K. Abstract: Twenty men (mean age 21 yr) took part in a double-blind cross-over trial to compare psychomotor performance when plasma vitamin C levels were high (16.28 +/- 3.75 mg/l) owing to supplementation, with times when levels were low (6.15 +/- 3.88 mg/l). Subjects were tested at 0730, 1130, and 1900 h by an hour-long auditory vigilance test to assess alertness, a digit-symbol substitution task to test short-term memory, and a memory-for-digits test to measure immediate memory. No significant differences were found on these measures of performance, nor was there any change in their subjectively rated sheep quality, alertness, concentration, or mood.

Vitamin B6 scheint wenn überhaupt nur bei Langzeitgabe in Dosierungen bis 25 mg / Tag und dann vor allem bei Patienten mit einem Vitamin B6 Mangel kognitive Verbesserungen zu bewirken. im Grossen und Ganzen ist die Wirkung (der viel höheren Vitamin B6 Dosen) eher enttäuschend, siehe als Beispiel die folgende Studie:

J Nutr. 2007 Jul;137(7):1789-94. Heterogeneity and lack of good quality studies limit association between folate, vitamins B-6 and B-12, and cognitive function. Raman G1, Tatsioni A, Chung M, Rosenberg IH, Lau J, Lichtenstein AH, Balk EM. Abstract: We conducted a systematic review to evaluate the association between folate, vitamin B-6, vitamin B-12, and cognitive function in the elderly. Our search was conducted in Medline for English-language publications of human subjects from 1966 through November 2006; we supplemented these results with information from article reviews and domain experts. We included longitudinal cohort and case-control studies of B vitamins and analyses of cognitive tests or Alzheimer’s disease. We evaluated the quality and heterogeneity of study outcomes and assessed 30 different cognitive function tests. Of 24 studies that met eligibility criteria, 16 were determined to be of fair quality. A majority of the studies reviewed 2 or more B vitamins. Considerable heterogeneity was found among B-vitamin-level thresholds, comparisons, and data analyses. Six of 10 folate studies reported a significant association between low baseline blood folate concentrations and subsequent poor test performance in the global cognitive domain, and 4 of 9 folate studies found associations between low blood folate concentrations and increased prevalence of Alzheimer’s disease. Studies did not reveal an association of vitamin B-6 and vitamin B-12 blood concentrations with cognitive-test performance or Alzheimer’s disease, nor was B-vitamin dietary intake associated with cognitive function. Higher plasma homocysteine concentrations were associated with poorer cognitive function. Although the majority of studies indicated that low blood folate concentrations predicted poorer cognitive function, data supporting this association were limited because of the heterogeneity in cognition-assessment methodology, and scarcity of good quality studies and standardized threshold levels for categorizing low B-vitamin status.

Das hat auch ein ein Cochrane Review bestätigt:

Cochrane Database Syst Rev. 2003;(4):CD004393. The effect of vitamin B6 on cognition. Malouf R1, Grimley Evans J. … REVIEWER’S CONCLUSIONS:
This review found no evidence for short-term benefit from vitamin B6 in improving mood (depression, fatigue and tension symptoms) or cognitive functions. For the older people included in one of the two trials included in the review, oral vitamin B6 supplements improved biochemical indices of vitamin B6 status, but potential effects on blood homocysteine levels were not assessed in either study. This review found evidence that there is scope for increasing some biochemical indices of vitamin B6 status among older people. More randomized controlled trials are needed to explore possible benefits from vitamin B6 supplementation for healthy older people and those with cognitively impairment or dementia.

Wir haben eine AKUTE Dosierung verabreicht. In der Literatur haben wir keinen Hinweis auf akute kognitive Effekte von Vitamin B6 gefunden.

Gerstenmalz wird in nicht genau spezifizierten, aber geringen Mengen zugesetzt. Es besteht vor allen aus Stärke (besteht aus verzweigtkettigen Glucose-Ketten) und Maltose (ein aus zwei verküpften Glucose-Molekülen). Beide werden vom Körper ebenso wie Sucrose (=Saccharose, besteht auch Glucose und Fruktose) nicht als solche aufgenommen, sondern erst nach Spaltung und die Einzelzucker. Somit ist der Unterschied durch die geringe Beimengung von Gerstenstärke vernachlässigbar.

Wie in wissenschaftlichen Publikationen üblich haben wir die von Ihnen erwähnten Limitationen der Studie auch in unserem Paper explizit diskutiert:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

12. Frage: Es fällt mir leider erst jetzt auf: Sie schreiben im Paper unter “Experimental Design”:

Participants received either 250 or 500 ml milk whey-based soft drink containing 13.75 and 27.5 g of green tea extract.

Lese ich das richtig? In ihrem Rivella Grün waren 27,5 Gramm Grünteeextrakt pro halbem Liter Getränk?
Die Mengenangabe auf der Ettikette auf der Rivella Grün Flasche im Laden lautet 0.05%. Das ist ein halbes Promille und wäre auf ein Kilogramm / einen Liter umgerechnet, Irrtum vorbehalten, ein Viertel Gramm pro halbem Liter oder 250mg, nicht 27,5 Gramm. Hat sich da irgendwie der Tippfehlerteufel in Ihr Manuskript eingeschlichen oder habe ich mich massiv verrechnet?

Antwort Borgwardt: In der definitiven Print-Version des Papers wird 27,5 mg (statt g) stehen.

Von mir etwas spät nachgereichte, drum wohl aus Zeitgründen bisher unbeantwortet gebliebene (und unbeantwortet bleibende?) Fragen:

13. Frage: Der konkrete, von Rivella verwendete Grünteeextrakt besitzt eine definierte, standardisierte Zusammensetzung. Jede Tasse selbst gebrühter Grüntee wird mehr oder weniger stark davon abweichen. Trotzdem verwendet die Medienmitteilung “Grüntee” und “Grüntee-Extrakt” quasi synonym. Als Illustration verwendet die Medienmitteilung der Uni Basel z.B. explizit eine Tasse Grüntee. Ebenso sprechen Sie im Paper in den Conclusions mal von “green tea extract enhances…” und mal von “green tea induced improvements”. Halten Sie diese Gleichsetzung von standardisiertem Grünteeextrakt und in den Inhaltsstoffen natürlicherweise schwankendem Grüntee für zulässig?

14. Frage: Kann die Anlage des Versuchs ausschliessen, dass alleine das im Extrakt enthaltene Koffein für die beobachteten Effekte verantwortlich ist? Falls Nein: Hätte eine – standardisierte – Tasse Kaffee möglicherweise dieselben Effekte hervorgerufen?

15. Frage: Warum gibt es keine dritte Versuchsreihe mit Personen, die weder Rivella Blau noch Rivella Grün verabreicht erhielten? Als “Baseline” quasi, um zu sehen, in welche Richtung die Rivella-induzierten Effekte gehen. Vielleicht wären die Verknüpfungen ohne jedes Rivella noch besser? Vielleicht dämpft Rivella Blau die Verknüpfungen unter die Baseline?


Fragen an die Mediensprecherin von Rivella

  • Wie kommentieren Sie die Resultate (von Borgwardt et al.)?
  • Planen Sie, die Resultate Ihrerseits in Ihr Marketing für Rivella Grün einzubauen?
  • Wie und wann ist der Kontakt zwischen den Forschenden und Rivella zustande gekommen? (Insbesondere: Hat Rivella die Studie in Auftrag gegeben? Oder: Kamen die Forschenden von sich aus auf Rivella zu?)
  • Wie hoch waren insgesamt die “grants”, mit denen Rivella die Studie unterstützt hat?

Antwort Rivella: Die von der Uni Basel (Universitätsspital Basel und UPK Basel) kürzlich veröffentlichte Studie ist Teil unserer umfassenden Analysen rund um Rivella Grün und seine Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und geistigen Fähigkeiten, die bis ins Jahr 2001 zurück gehen.

Obwohl die Resultate der Studie vielversprechend waren haben wir uns entschieden, diese nicht weiter zu verfolgen, hauptsächlich aus folgenden Überlegungen:

  • Rivella Grün ist ein Erfrischungsgetränk und kein Heilmittel
  • in der Zwischenzeit hatte auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden
  • Umfassende weitere Studien mit grösseren Testgruppen wären nötig gewesen, um die Resultate zu bestätigen

Wir werden die Resultate der Studie nicht für unsere Kommunikation nutzen. Über den finanziellen Aufwand geben wir keine Auskunft.

Nachfrage, nach Erhalt der Antworten: Sie haben mir keine Auskunft gegeben darüber, wie der Kontakt zwischen Forschenden und Rivella zustande kam. Ich gehe davon aus, dass dies eine bewusste Entscheidung ihrerseits ist.

Antwort Rivella: Ja, das ist korrekt.

BPA: ECHA verschärft Risiko-Klassifizierung

Das “Committee for Risk Assessment (RAC)” der europäische Chemikalienagentur ECHA in Helsinki befürwortet einstimmig die Höherstufung von Bisphenol A, BPA, in der Klassierung der Reproduktionstoxizität von Stufe 2 zu Stufe 1B. Das vermeldet unter anderem die Branchenwebsite foodqualitynews.com. Die Reaktion der Plastikindustrie liess nicht lange auf sich warten. “Kunststoffweb” schreibt:

(…) Der Verband der europäischen Kunststofferzeuger PlasticsEurope (Brüssel / Belgien) hat bereits Kritik an dem Ergebnis geübt. Nach Auffassung des Verbandes rechtfertigen die zur Bewertung herangezogenen Studien keine Neubewertung. (…)

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