BPA-Bericht des Bundesrates: 4 Jahre für magere 9einhalb A4-Seiten

Der Berg hat eine Maus geboren! 4 Jahre nachdem die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit ein Postulat eingereicht hatte, worin der Bundesrat beauftragt wurde, einen „Bericht zur Bisphenol-A-Problematik“ zu erstellen, liegt das Ding jetzt vor (backup der Seite @ Internet Archiv, Backup des pdf-Files). Mit einem Umfang von 9,5 Text-Seiten.

Wobei zu beachten ist, dass die Kommission einen „Bericht zur Bisphenol-A-Problematik“ verlangt hatte, der Bundesrat aber über „Nutzen und Gefahren der Verwendung von Bisphenol A“ berichtet.

Eine subtile Akzentverschiebung!

Inhaltlich stützt sich der „Bericht“ zu weiten Teilen auf Studien der EFSA.

(Den Hinweis auf das Erscheinen des bundesrätlichen „Berichtes“ verdanke ich Matthias Preisser. Merci!)

2010 durfte ich mich für DRS2 intensiv mit der BPA-Problematik (!) auseinandersetzen. Das Resultat davon war u.a. diese halbe Stunde Kontext…

… welche freundlicherweise mit dem „Prix Média der Akademien der Wissenschaften Schweiz“ ausgezeichnet wurde.

NACHTRAG 30.12.2015

Frankreich hat übrigens,

papier-sans-bpa

anders als die ganze EU, auf der Basis eigener, unabhängiger, französischer Studien, ab 2014 BPA überall dort verboten, wo es mit Nahrungsmitteln in Kontakt käme (Dosen, Büchsen etc.). Das nenn ich eine Haltung! Die Schweizer Behörden verstecken sich hinter den eher kompromisslerischen EU-Behörden.

Das Bild? Eine Pariser Quittung für Moules et Frites vom 28.12.2015. Merci dafür, Christoph!

Schweizer Studie untersucht Hormonaktivität von BPA, BPS, BPF, Pergafast und D-8 in Thermopapieren

Daniela M. Goldinger, Anne-Laure Demierre, Otmar Zoller, Heinz Rupp, Hans Reinhard, Roxane Magnin, Thomas W. Becker und Martine Bourqui-Pittet sind das Team hinter der vor wenigen Tagen publizierten Studie:

Endocrine activity of alternatives to BPA found in thermal paper in Switzerland

Bemerkenswert daran ist, ausser dem Inhalt, dass 3 AutorInnen aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), Abteilung Chemikalien und 3 aus dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterninärwesen (BLV) stammen.

Der Abstract lautet:

Alternatives to bisphenol A (BPA) are more and more used in thermal paper receipts. To get an overview of the situation in Switzerland, 124 thermal paper receipts were collected and analyzed. Whereas BPA was detected in most samples (n = 100), some alternatives, namely bisphenol S (BPS), Pergafast® 201 and D-8 have been found in respectively 4, 11 and 9 samples. As no or few data on their endocrine activity are available, these chemicals and bisphenol F (BPF) were tested in vitro using the H295R steroidogenesis assay. 17β-Estradiol production was induced by BPA and BPF, whereas free testosterone production was inhibited by BPA and BPS. Both non-bisphenol substances did not show significant effects. The binding affinity to 16 proteins and the toxicological potential (TP) were further calculated in silico using VirtualToxLab™. TP values lay between 0.269 and 0.476 and the main target was the estrogen receptor β (84.4 nM to 1.33 μM). A substitution of BPA by BPF and BPS should be thus considered with caution, since they exhibit almost a similar endocrine activity as BPA. D-8 and Pergafast® 201 could be alternatives to replace BPA, however further analyses are needed to better characterize their effects on the hormonal system.

Der hervorgehobene Satz ist insofern durchaus bemerkenswert, als er festhält, dass BPA, BPS und BPF, laut den Messungen von BAG und BLV, alle drei eine ähnlich starke Hormonaktivität zeigen. Das ist nicht das erste Mal, dass sich das BAG mit BPA beschäftigt. 2012 publizierte dasselbe Team aus der Abteilung Chemikalien eine Studie zur Hautgängigkeit von BPA.

Ein backup des Artikels: gibt’s hier.

Plastikbausteine BPA und BPS stimulieren das frühe Nervenwachstum im Hypothalamus beim Zebrafisch

BPA und BPS sind zentrale Bausteine für u.a. Polykarbonat (u.a. CD-/DVD-Plastik), Epoxydharz (Araldit, Dosen- und Büchseninnenauskleidung), Flammschutzmittel und Thermodruckerpapier. BPS wird teilweise als «harmlosere Variante» von und Alternative zu BPA angepriesen. Jetzt schreiben aber Cassandra D. Kincha, Kingsley Ibhazehiebob, Joo-Hyun Jeongb, Hamid R. Habibia und Deborah M. Kurrasch von der University of Calgary heute in den PNAS unter dem Titel

Low-dose exposure to bisphenol A and replacement bisphenol S induces precocious hypothalamic neurogenesis in embryonic zebrafish

Here we demonstrate that bisphenol A (BPA) exposure during a time point analogous to the second trimester in humans has real and measurable effects on brain development and behavior. Furthermore, our study is the first, to our knowledge, to show that bisphenol S, a replacement used in BPA-free products, equally affects neurodevelopment. These findings suggest that BPA-free products are not necessarily safe and support a societal push to remove all structurally similar bisphenol analogues and other compounds with endocrine-disruptive activity from consumer goods. Our data here, combined with over a dozen physiological and behavioral human studies that begin to point to the prenatal period as a BPA window of vulnerability, suggest that pregnant mothers limit exposure to plastics and receipts.

Und weiter:

Strikingly, treatment of embryonic zebrafish with very low-dose BPA (0.0068 μM, 1,000-fold lower than the accepted human daily exposure) and bisphenol S (BPS), a common analog used in BPA-free products, resulted in 180% and 240% increases, respectively, in neuronal birth (neurogenesis) within the hypothalamus, a highly conserved brain region involved in hyperactivity. Furthermore, restricted BPA/BPS exposure specifically during the neurogenic window caused later hyperactive behaviors in zebrafish larvae. (…) Although human epidemiological results are still emerging, an association between high maternal urinary BPA during gestation and hyperactivity and other behavioral disturbances in the child has been suggested.

Wie darauf wohl die Plastikindustrie reagieren wird?

Der seit 2011 vom Parlament eingeforderte und vom Schweizerischen Bundesrat auf Ende 2013 versprochene BAG-Bericht zum Thema BPA ist übrigens noch immer nicht erschienen, soweit bekannt!

Erlenmatt-Nord: Und ewig rauscht die Autobahn

Es braucht einen baulichen Sondereffort, um die Lärmgrenzwerte am Nordende der Erlenmatt einzuhalten. Die Rampen der Nordtangente bekommen demnächst rund 700 Meter lange Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

(in redigierter Fassung am 12.6.2014 in der online-TagesWoche)

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt, in den exponierteren unter den 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft «Patrimonium» auf das nördlichste Baufeld (G) stellt, wird das schwierig. Er ist auf drei Seiten umgeben von Autobahn, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen.

Laut Messtelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen, unmittelbar beim Tunneleingang, wo die Autobahn unter den Riehenring taucht, verkehren darauf, beide Richtungen zusammengezählt, 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: Steigend!

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Planungswerte nicht eingehalten

Berechnungen des Ingenieurbüros «Gartenmann Engineering», 2012 angestellt im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE), zeigen, dass auch mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen, die so genannten «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt der so genannten «Empfindlichkeitsstufe III» zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60dB laut sein, in der Nacht 50dB. Diese Werte gelten bei jenem Fenster, das zur Belüftung der Räume dient. Die theoretischen Berechnungen von Gartenmann kommen an den Nordenden der teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häuser aber, trotz Lärmschutzwänden, auf Werte zwischen 67,9 dB und 57,3 dB am Tag und 61,9 dB und 50,4 dB in der Nacht. Insbesondere nachts werden die ankommenden Autobahngeräusche ergo noch zu laut sein.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste Bauherrin «Patrimonium» reagieren. Laut AUE «wird vorgesehen, dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung mag ja ganz nett sein. Wenn sie in einer heissen Sommernacht aber geschlossen bleiben muss, weil’s sonst zu laut ist im Schlafzimmer, vergrault einem das die Freude daran. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai dieses Jahres Leiter des Amts für Umwelt und Energie, widerspricht. Die Loggiafenster dürfen auch offen sein, sodass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Der Lärm von der Autobahn her wird also wohl, trotz Loggia, in so manchem Schlafzimmer des «Patrimonium»-Blocks zu hören sein, allerdings mit einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen, denn der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Die Überbauung von «Patrimonium» auf Baufeld G wird aus zwei länglichen, zum Riehenring parallelen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel, auf der Seite des Riehenrings, erhält 8 Geschosse und ist damit höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Ausser in dessen Parterre ergeben dort die Berechnungen von Gartenmann für alle Etagen über dem «Planungswert» liegende Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden.

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände, entlang der rechten Spur der Autobahnrampen, gehen zu Lasten der «Bautrag Infrastructure AG» in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin «Vivico». Im städtebaulichen Rahmenvertrag, den 2002 die damalige Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton Basel-Stadt mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin «Vivico Real Estate» unterzeichnet hatte, ist auf Seite 4 festgehalten, dass die «Finanzierung des Schallschutzes» «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» von den Grundeigentümerinnen, resp. deren Nachfolgerinnen, getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Der Baubeginn ist, laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, führt der Tunnel der «Herzstück» genannten Zugsverbindung zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB in der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung genau unter Baufeld G hindurch. Ob also dereinst das dumpfe Rumpeln der Züge, à la Elsässerbahn unter der Strassbugerallee, im Block der «Patrimonium» periodisch den andauernden Autobahnlärm ergänzt, wird davon abhängen, ob dieses Milliardenprojekt realisiert wird.