Schweizer Studie untersucht Hormonaktivität von BPA, BPS, BPF, Pergafast und D-8 in Thermopapieren

Daniela M. Goldinger, Anne-Laure Demierre, Otmar Zoller, Heinz Rupp, Hans Reinhard, Roxane Magnin, Thomas W. Becker und Martine Bourqui-Pittet sind das Team hinter der vor wenigen Tagen publizierten Studie:

Endocrine activity of alternatives to BPA found in thermal paper in Switzerland

Bemerkenswert daran ist, ausser dem Inhalt, dass 3 AutorInnen aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), Abteilung Chemikalien und 3 aus dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterninärwesen (BLV) stammen.

Der Abstract lautet:

Alternatives to bisphenol A (BPA) are more and more used in thermal paper receipts. To get an overview of the situation in Switzerland, 124 thermal paper receipts were collected and analyzed. Whereas BPA was detected in most samples (n = 100), some alternatives, namely bisphenol S (BPS), Pergafast® 201 and D-8 have been found in respectively 4, 11 and 9 samples. As no or few data on their endocrine activity are available, these chemicals and bisphenol F (BPF) were tested in vitro using the H295R steroidogenesis assay. 17β-Estradiol production was induced by BPA and BPF, whereas free testosterone production was inhibited by BPA and BPS. Both non-bisphenol substances did not show significant effects. The binding affinity to 16 proteins and the toxicological potential (TP) were further calculated in silico using VirtualToxLab™. TP values lay between 0.269 and 0.476 and the main target was the estrogen receptor β (84.4 nM to 1.33 μM). A substitution of BPA by BPF and BPS should be thus considered with caution, since they exhibit almost a similar endocrine activity as BPA. D-8 and Pergafast® 201 could be alternatives to replace BPA, however further analyses are needed to better characterize their effects on the hormonal system.

Der hervorgehobene Satz ist insofern durchaus bemerkenswert, als er festhält, dass BPA, BPS und BPF, laut den Messungen von BAG und BLV, alle drei eine ähnlich starke Hormonaktivität zeigen. Das ist nicht das erste Mal, dass sich das BAG mit BPA beschäftigt. 2012 publizierte dasselbe Team aus der Abteilung Chemikalien eine Studie zur Hautgängigkeit von BPA.

Ein backup des Artikels: gibt’s hier.

massiv verspätet: Bericht des Bundesrates über „Nutzen und Gefahren von BPA“

Am 11.11.11 reichte die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit ein Postulat ein, worin der Bundesrat beauftragt wurde, einen „Bericht zur Bisphenol-A-Problematik“ zu erstellen.

Am 18.1.2012 antwortete der Bundesrat schriftlich:

Der Bundesrat verfolgt aufmerksam die Entwicklung der Situation. Wie bereits mehrmals dargelegt, erachtet er es nicht als notwendig, besondere Gesundheitsmassnahmen zu treffen. Er ist jedoch bereit, einen Bericht über die Nutzen und Gefahren der Verwendung von BPA zu erstellen und seine Position neu zu beurteilen. Dieser Bericht wird voraussichtlich im Verlauf des zweiten Halbjahrs 2012 vorliegen.

Am 30. Mai 2012 nahm der Nationalrat dieses Postulat seiner Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit an und Bundesrat Alain Berset erklärte sich gleichentags bereit

à publier un rapport aussi complet et transparent que possible sur l’état de la situation pour ce qui concerne l’utilisation du bisphénol A.

Das „zweite Halbjahr 2012“ ging vorbei und der Bericht erschien nicht.

Am 17.4.2013 reichte der Genfer CVP-Nationalrat Luc Barthassat eine Motion ein, worin er den Bundesrat beauftragen wollte, „möglichst rasch alle notwendigen Massnahmen für ein Verbot von Bisphenol A (BPA) zu ergreifen.“

In seiner schriftlichen Antwort vom 21.6.2013 schrieb der Bundesrat:

Seit 2010 hat der Bundesrat mehrmals zur Problematik von Bisphenol A (BPA) Stellung genommen. In seiner Antwort auf das Postulat der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (Postulat 11.4045 SGK-NR „Bisphenol-A-Problematik“) hat er sich bereit erklärt, einen Bericht über die Nutzen und Gefahren der Verwendung von BPA zu erstellen. Dieser Bericht sollte Ende 2013 vorliegen.

„Ende 2013“ ging vorbei und der Bericht erschien noch immer nicht.

Am 27.11.2013 wählte Genf Luc Barthassat in die Kantonsregierung. Er trat aus dem Nationalrat zurück. Guillaume Barazzone rückte nach und übernahm am 3.1.2014 Barthassats Motion für das BPA-Verbot.

Vielleicht sollte man beim BAG mal nachfragen, ob der vom Bundesrat versprochene Bericht überhaupt je erscheinen wird…

Bundesamt für Gesundheit BAG publiziert Bisphenol A BPA Studie zu Hautgängigkeit

Erinnern Sie sich an die Thermopapier-Kassenzettel und die Tests in Sachen Aufnahme der hormonaktiven Chemikalie durch die Haut …

beim Kantonalen Labor in Zürich anno 2010 (paper: „Transfer of bisphenol A from thermal printer paper to the skin„, Sandra Biedermann & Patrik Tschudin & Koni Grob)? Das BAG hat darauf Ende August 2012 mit einem eigenen Paper reagiert. Die Experimente dafür lagerte das Bundesamt aus zu den „Harlan Laboratories“ (die auf drei Kontinenten Tierversuche durchführen im Auftragsverhältnis), Filiale Itingen (BL). Die BAG-Publikation kostet 31.50$ auf der Site des Journals. Wer freundlich fragt, erhält sie vom BAG dennoch kostenlos zugemailt: Demierre et al 2012. Darin steht, womit und wie die Versuche durchgeführt wurden, um herauszufinden, in welchen Mengen Bisphenol A durch lebendige menschliche Haut geht:

2. Material and methods
All experiments have been done under GLP conditions at Harlan Laboratories Ltd., Itingen, Switzerland, following the OECD TG 428 (Skin absorption: in vitro method).

2.1. Human skin
Full thickness skin was obtained from 2 human cadavers. The samples were taken from the dorsal part of the upper legs. The intact skin samples were then stored at −20◦C for up to one year. After thawing, 7 skin sections of 200 um thickness were cut off from the top using a dermatome (cordless dermatome GA 643). (…)

Von der Hinterseite der Oberschenkel zweier Leichen wurden also – im Querschnitt vollständige – Hautproben genommen. Diese Proben lagerten bis zu einem Jahr bei -20 Grad. Nachdem man sie aufgetaut hatte, schnitt man von deren alleroberster Schicht (Epidermis? Stratum corneum / basale?) 7 hauchdünne (200 Mikrometer [0,2 Millimeter] dicke) Scheiben ab. Und hat mit diesen Fitzelchen experimentiert.

Wem es jetzt, als Laien wie mir, irgendwie schwer nachvollziebar erscheint, ob damit relevante Aussagen über die Verhältnisse auf der Hand und in der Haut z.B. einer Supermarktkassiererin zu erhalten sind, die tagtäglich hunderte Kassenzettel zerknüllt oder weitergibt, dem hält das BAG die OECD Richtlinie 428 („Test No. 428: Skin Absorption: In Vitro Method“) vor die Nase und sagt – zugespitzt: „Danach liessen wir Harlan vorgehen. Das ist internationaler Standard. Basta!“

Von der wirtschaftsnahen OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erhält man erfreulicherweise auf Nachfrage recht rasch die Liste der Mitglieder des Komitees, das die Richtlinie 428 verantwortet, und den Bericht über deren Entstehungsgeschichte: oecd-428. Auf Seite 34ff. finden wir dort neben einigen Fachleuten aus staatlichen Forschungsinstituten und Regulierungsbehörden auch – gleichberechtigt – Industrievertreter: Unilever, AstraZeneca, Rhone-Poulenc und Henkel.

Was die bei „Harlan Laboratoris Ltd.“ durchgeführte BAG-Studie mit ihrem Ansatz schliesslich rausgefunden hat über das Eindringen des hormonaktiven Bisphenol A durch die Haut? Das schreiben die AutorInnen bereits in den „highlights“ auf der ersten Seite:

– The aim of the study was to determine the dermal penetration rate of bisphenol A.
– The analysis has been done under GLP conditions and according to OECD guideline 428.
– The test has been performed in conditions close to reality.

„close to reality“? Naja… (siehe oben). Jedenfalls:

– The contribution of dermal exposure to bisphenol A is confirmed to be moderate.

Und der letzte Satz lautet:

In conclusion, the present study confirms that dermal exposure to BPA is moderate and contributes in a negligible way to total body burden.

Fakt ist trotzdem: Die Studie belegt, sogar mit ihren OECD-konformen „in vitro“ Methoden, dass der Stoff tatsächlich durch die Haut geht! Diese Grafik daraus…

… zeigt, wieviele % der aufgetragenen Menge nach wie lange durch die in der Studie verwendeten 7 Fitzelchen der obersten Hautschicht dringen, und damit prinzipiell zu den äussersten, feinsten Blutgefässen durchkommen.

Bundesrat erstellt Bericht zu Bisphenol A BPA

Gestern hat der Nationalrat das Postulat „Bisphenol-A-Problematik“ seiner Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit angenommen und Bundesrat Alain Berset erklärte sich daraufhin bereit

à publier un rapport aussi complet et transparent que possible sur l’état de la situation pour ce qui concerne l’utilisation du bisphénol A.

In seiner schriftlichen Antwort vom 18. Januar 2012 auf das Postulat hatte der Bundesrat bereits geschrieben:

Der Bundesrat verfolgt aufmerksam die Entwicklung der Situation. Wie bereits mehrmals dargelegt, erachtet er es nicht als notwendig, besondere Gesundheitsmassnahmen zu treffen. Er ist jedoch bereit, einen Bericht über die Nutzen und Gefahren der Verwendung von BPA zu erstellen und seine Position neu zu beurteilen. Dieser Bericht wird voraussichtlich im Verlauf des zweiten Halbjahrs 2012 vorliegen.

Interessante Entwicklung. Wir bleiben dran!