«Glycsmomente» für die Universität Basel

Der Universität Basel steht ein ausserordentlicher Geldsegen ins Haus. Für das Molekül eines ihrer Professoren zahlt Pfizer einem Partnerunternehmen der Uni vermutlich bald mehrere hundert Millionen Dollar. Zehn Prozent fliessen von dort weiter nach Basel. Der Anteil des Professors daran ist, finanziell gesehen, mehr wert als zehn Nobelpreise zusammen. Weitere ambitionierte Unternehmer-Professoren sind in den Startlöchern.

GLYCOMIMETICS FEATURED AS NASDAQ'S FIRST IPO OF 2014

Leicht gekürzt erschienen in der TagesWoche vom 7. Februar 2014.

Am 15. Januar 2014 ging die zwei Dutzend Angestellte zählende US-Pharma-Firma Glycomimetics an die New Yorker Technologiebörse NASDAQ und brachte 8 Millionen Aktien zu $8 unter die Leute. Der Börsengang, von der NASDAQ als erster im Jahr 2014 mit einem prominent platzierten Monsterplakat am New Yorker Times Square gefeiert, spülte netto rund $57 Millionen neues Geld in ihre Kasse. Heute ist Glycomimetics, geführt von der ehemaligen Novartis-Managerin Rachel K. King, an der Börse $175 Millionen wert, der Aktienkurs liegt bei knapp $10. Seit der Gründung am 21. Mai 2003, hautptsächlich mit Geld der US-Risikokapitalgesellschaft New Enterprise Associates, gab Glycomimetics $82,7 Millionen aus und nahm $23,5 Millionen ein. Ausser Aktien hat die Firma noch nie ein greifbares Produkt verkauft.

Glycomimetics Firmenschild

Trotzdem zahlte der Pharmakonzern Pfizer 2011 $22,5 Millionen Dollar in bar und versprach weitere $327 Millionen, plus Umsatzbeteiligung, für die weltweiten Rechte an der chemischen Verbindung mit dem Codenamen GMI-1070 im Portefeuille von Glycomimetics. Sich ausgedacht und gebaut hat das Molekül der Chemiker Beat Ernst am Biozentrum der Universität Basel.

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst

Seit 2004 bezahlte Glycomimetics, laut Uni-Mediensprecher Matthias Geering, jedes Jahr rund $200’000 für die Arbeit von Ernst und einem Teil seiner Forschungsgruppe.

In einem Interview mit Schweizer Radio DRS2 erklärte Beat Ernst 2012, er und sein Team seien für «Design und Synthese» der Moleküle verantwortlich.

Danach wanderten diese zu Glycomimetics. Wo «an ihren Strukturen weitergearbeitet» werde und die Moleküle in Tierversuchen getestet würden. Dabei habe sich gezeigt, dass GMI-1070 äusserst effizient verstopfte Blutgefässe wieder durchlässig machen könne. Das war das klare Signal, die Substanz an Menschen auszuprobieren!

Im April 2013 schloss Glycomimetics die ersten Versuche an Patienten ab, die so genannten Phase-II-Tests. Die Substanz wurde 76 zwischen 12 und 60 Jahre alten Personen verabreicht, die an der Sichelzellenanämie leiden. Ein Symptom dieser Erkrankung der roten Blutkörperchen ist ein in Schüben auftretender, äusserst schmerzhafter Verschluss der Blutgefässe. GMI-1070 konnte diesen rascher beheben als ein Placebo, was zeigte, dass es wirkt.

Der Vertrag von Glycomimetics mit Pfizer sieht vor, dass die weiteren Tests bis zur Zulassung eines Medikaments in der Verantwortung des Pharmagiganten liegen. Laut der Übereinkunft zahlt Pfizer insgesamt $115 Millionen, wenn die ersten so genannten Phase-III-Tests beginnen (voraussichtlich Mitte 2014) und später der kommerzielle Verkauf des Medikaments in den USA und Europa anläuft. Weiter erhält Glycomimetics $70 Millionen, wenn die Zulassungsbehörden in den USA und Europa das Medikament bewilligen. Und bis $135 Millionen werden fällig, wenn gewisse Umsatzziele erreicht werden. Zudem erhält Glycomimetics einen Anteil an kommenden GMI-1070-Umsätzen. Dieser bewege sich zwischen 10% und 40%. Laut Dokumenten der us-amerikanischen Börsenaufsicht reicht er «from the low double digits to the low teens», je nach Geschäftsgang..

Von den in Aussicht stehenden $327 Pfizer-Millionen und den Umsatzbeteiligungen gehen immer 10% an die Universität Basel. So steht es im Kooperationsvertrag von 2004 zwischen Glycomimetics und Hochschule. Laut Artikel 16 der «Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit» sieht der uniinterne Verteilschlüssel so aus: 30% davon erhält die Universität als ganze, 30% gehen an die Organisationseinheit bei der Beat Ernst tätig ist, das Departement Pharmazeutische Wissenschaft, und 40% des Uni-Anteils an den Pfizer-Millionen stehen Ernst zu. Das ergibt im besten Fall für ihn rund $13 Millionen. Sollte sich das GMI-1070-Medikament als Umsatzrenner erweisen bei Pfizer, kommt möglicherweise noch Einiges mehr hinzu. Zum Vergleich: Bis anhin erwirtschaftet die 554 Jahre alte Universität Basel aus Lizenzen und Patenten pro Jahr rund 300’000 Franken.

Nachbarschaften

Ob der 5%-Anteil, den die Universität seit April 2013 hält an der Basler GeneGuide AG, je ähnlich ihre Kassen klingeln lassen wird, steht noch in den Sternen. Zwei Neuropsychiater der Universität, Dominique de Quervain und Andreas Papassotiropoulos, gründeten GeneGuide am 3.4.2013 in den Räumen der Advokatur Vischer mit Fr. 52’500.-. Laut ihren Statuen bezweckt die Firma «die Herstellung und den Vertrieb von Produkten und die Erbingung von Dienstleistungen auf dem Gebiet der Life Sciences, insbesondere der Neurowissenschaften.» Die GeneGuide AG ist daheim an der Birmannsgasse 8, zur Untermiete bei der Abteilung für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Basel, wo ihre Gründer arbeiten. Die Telefonnummer der GeneGuide ist dieselbe wie jene ihres Arbeitsplatzes. Für den Tisch, den die GeneGuide derzeit belegt, zahlt sie der Universität Fr. 2’820 pro Jahr.

Unbenannt

Papassotiropoulos und de Quervain verfügen über sehr umfangreiches Datenmaterial von 2’500 zwischen 18 und 35 Jahre alten Personen, gewonnen aus Befragungen, Verhaltens- und Gedächtnistests, Gehirnuntersuchungen mit verschiedenen bildgebenden Verfahren und genetischen Analysen von Blut- und Speichelproben. Dieser Datenberg gehört der Universität Basel.

Die TagesWoche konnte den Vertrag zwischen GenGuide und Universität einsehen. Gemäss der Vereinbarung lizenziert sie diese Information bis 2028 an GeneGuide gegen den Aktienanteil und eine Umsatzbeteiligung im tiefen zweistelligen Bereich. Der Vertrag verpflichtet GeneGuide, sich aktiv für die Kommerzialisierung der Daten einzusetzen und jährlich über entsprechende Aktivitäten und Umsätze zu rapportieren. Untätigkeit wäre ein Vertragsbruch.

Papassotiropoulos und de Quervain wollen durch die geschickte Interpretation der Daten ihrer 2’500 Probanden neue, psychopharmakologische Einsatzgebiete finden für bereits bekannte Medikamente. Am 22. Oktober 2013 vermeldete die Uni Basel einen ersten Treffer: «Durch Genanalysen entdeckt: Medikament reduziert negative Erinnerungen». Die Profs hatten die etablierte, antiallergisch wirkende Substanz Diphenhydramin getestet. Sie stellten laut Uni-Communiqué fest, dass sie «zu einer signifikanten Reduktion der Erinnerungsfähigkeit von zuvor gesehenen negativen Bildern» führe. Erlebt vielleicht ein angejahrtes Anti-Histaminikum einen zweiten Frühling als «Pille danach» für traumatische Erlebnisse?

Auch bei GeneGuide hat die Industrie den Fuss in der Türe. Laut der Universität bestehe «eine erste Zusammenarbeit mit dem biopharmazeutischen Unternehmen Amgen».

Was alles in der Weide steckt – Salicin und die Folgen…

Die Ausgabe von Kontext heute wirft ein paar Schlaglichter auf Geschichte von und neuere Erkenntnisse zu einem Molekül, dessen einer wichtiger Ursprung in der Weidenrinde steckt: Salicylsäure.

Als Acetylsalicylsäure ist es seit über 100 Jahren unter dem Handelsnamen „Aspirin“ bekannt. Peter Rothwell, James R. Lawrence, Michael Kessler, Karsten Schrör, Karen Starko und Sarah Vaughan kommen darin zu Wort…

Canal de Huningue

… und diese Weide am „Canal de Huningue“. Und die Jungs, die da von der Brücke springen:

Das Millionenmolekül GMI-1070

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst
„GMI-1070“ als Drahtmodell auf dem Bürotisch von Beat Ernst.

An der Universität Basel hat der Chemiker Beat Ernst mit der Partnerfirma Glycomimetics in den USA einen Wirkstoff entwickelt, der hunderttausenden Patienten mit einer so genannten „Sichelzellenanämie“ Hoffnung macht auf Linderung ihrer Leiden. GMI-1070 hat darüber hinaus das Potenzial zu noch viel weitergehenden Anwendungen. Der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer erwarb unlängst für insgesamt 340 Millionen Dollar das Recht, die Substanz bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Diese lukrative Zusammenarbeit von Hochschule und Konzern ist ein Lehrstück über Patente, Lizenzen und Geheimverträge. Sie zeigt exemplarisch Chancen und Risiken solcher Kooperationen.
Links: Paper über Wirkung von GMI-1070 im Tierversuch; Communiqué der Uni Basel; Communiqué GlycoMimetics; Beat Ernst.

Ganz leicht gekürzt heute gesendet in „Kontext“ auf DRS2.

Und hier, vorhin grad entdeckt, ein PR-Videointerview mit Rachel King, CEO der Uni-Partnerfirma GlycoMimetics, publiziert vom Standortmarketing des US-Bundesstaates Maryland:

Patent auf GMI-1070: Aussage Uni vs. BaZ-Artikel

BaZ am 27.5.2011:

(…) im besten Fall hat das Abkommen ein mögliches Volumen von 340 Millionen Dollar. Wird GMI-1070 als Medikament zugelassen, werden Lizenzgebühren fällig. Das Schöne am Ganzen: Die Universität Basel profitiert. Im Erfolgsfall mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Denn was Beat Ernst und sein Team da entwickelt haben, ist als Erfindung der Basler Universität patentiert. Man halte die Daumen für die Sichelzellpatienten – und Basel: Es könnte der bisher grösste Reibach für die Uni aus einem Projekt werden.

Screenshot:

Uni Basel heute auf meine Anfrage:

Wie kommt es, dass die Firma Glycomimetics bei diesen drei nach 2004 beantragten und erteilten Patenten, bei denen u.a. Beat Ernst, Angestellter der Universität Basel, als Erfinder fungiert, als Inhaberin genannt wird, und nicht die Universität Basel?

In diesem Fall entstanden die Patentanmeldungen aus einer langjährigen Forschungskooperation der Universität Basel mit der Firma. Der Kooperationsvertrag sieht vor, dass allfällige Patente von der Firma in eigenem Namen angemeldet werden können. Die Universitäten melden Patente nicht zum Selbstzweck an, sondern um eine spätere Umsetzung in neue Produkte zu ermöglichen. Wenn wie in diesem Fall ein Firmenpartner bereits involviert ist, ist es je nach Situation möglich, dass man dem Partner die Möglichkeit zugesteht, Patente in eigenem Namen anzumelden. In der Mehrzahl der Fälle werden Patente jedoch auf den Namen der Universität angemeldet (insbesondere dann, wenn noch kein Firmenpartner involviert ist) und die Universität vergibt dann die Nutzungsrechte an eine Firma in Form einer Lizenz.

Können Sie mir bestätigen, dass die Universität Basel offenbar mindestens in diesen drei Fällen aktiv auf die ihr gemäss oben genannter Ordnung zustehenden Rechte an den von Beat Ernst getätigten Erfindungen verzichtet?

Ja, in diesen Fällen hat die Universität Basel die Eigentumsrechte an den Patentanmeldungen vertraglich an den Partner abgetreten.

Welche Überlegungen bewogen die Universität Basel dazu, auf die Möglichkeit, am kommerziellen Erfolg einer Erfindung, die einer ihrer Angestellten getätigt hat, zu verzichten?

Dass eine Patentanmeldung im Namen des Firmenpartners erfolgt, bedeutet nicht, dass die Universität auf einen angemessenen Anteil an einem späteren kommerziellen Erfolg der Technologie verzichtet. Auch im vorliegenden Fall der Kooperation mit der Firma Glycomimetics wird die Universität Basel an einem allfälligen kommerziellen Erfolg beteiligt sein.

Fazit: Anders als die BaZ (merkwürdigerweise grad 2 Tage nach meinem Posting zu dem Thema; Zufälle gibt’s…!) schreibt, liegt das Patent an dem möglichen Wirkstoff gegen Sichelzellenanämie bei Glycomimetics und NICHT bei der Uni Basel. Über die Motive dafür und die Folgen daraus wird noch zu reden sein.