Warum die Rivella Studie mit Vorsicht zu geniessen ist

Der Hirnscanner des Basler Unispitals zeigt die Wirkung eines Softdrinks mit Grüntee-Extrakt auf Versuchspersonen. Die Resultate sind mit Vorsicht zu geniessen und lassen sich nicht verallgemeinern.

(In der Form publiziert am 17.4.2014 in der TagesWoche. Weiter unten, nach dem Text des eigentlichen Artikels: Die einem der Studienautoren und Rivella gestellten Fragen und deren Antworten)

Man nehme zwölf gesunde, zwischen 18 und 35 Jahre alte Basler Rechtshänder. Man stopfe ihnen ein Schläuchlein durch den Mund bis in den Magen und flösse ihnen auf diesem Weg mehrfach entweder einen halben Liter Rivella Grün oder Rivella Blau ein. Das Rivella Blau süsse man zuvor nach auf denselben Zuckergehalt wie das grüne. Zweck des Magenschlauchs an Zunge und Gaumen der Versuchspersonen vorbei: Sie sollen nicht schmecken, ob Grün oder Blau in sie hineinrinnt.

Danach stecke man die so rivellagefüllten Probanden in einen Hirnscanner. Und lasse sie gleichzeitig einfache Gedächtnistests absolvieren, wie – einen Knopf drücken, wenn der ihnen soeben gezeigte Buchstabe der gleiche ist, wie der als Vorletzter gezeigte. Das Ganze wiederhole man vier Mal im Abstand einer Woche.

Leuchtende Gehirnregionen

Und siehe da: Mit der Zeit leuchten während den Tests die Rivella-Grün-Gehirne auf den Bildschirmen im Kontrollraum an gewissen Stellen heller auf als jene Gehirne auf Rivella Blau. Allerdings schneiden die Rivella-Grün-Versuchspersonen in den Gedächtnistests nicht relevant besser ab trotz stärkerer Signale aus ihren Gehirnen.

Der Psychiater Stefan Borgwardt, leitender Arzt am Basler Zentrum für Diagnostik und Krisenintervention der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK), ist mitverantwortlich für diese 2012 durchgeführten Versuche. Für ihn belegt das vor Kurzem publizierte Resultat, dass in den Rivella-Grün-Gehirnen zwei für das Kurzzeitgedächtnis zuständige Areale besser verknüpft sind als in den Rivella-Blau-Gehirnen.

Verantwortlich dafür ist seiner Einschätzung nach jenes halbe Gramm industriell hergestellten Grünteeextrakts, um das sich die beiden Softdrinks pro Liter hauptsächlich unterscheiden. Zwar schwimmen in Rivella Grün im Unterschied zu Rivella Blau auch noch Gerstenmalz-Extrakt, der Süssstoff Sucralose und die Vitamine C und B6. Die hätten aber keinen Einfluss, meint Borgwardt und argumentiert anhand entsprechender Untersuchungen Dritter.

Der Extrakt in Rivella Grün besteht natürlicherweise bis zu einem Zehntel aus Koffein. Im Fachartikel über die Versuchsergebnisse heisst es denn auch, es sei nicht auszuschliessen, dass das Koffein für die beobachteten Effekte mindestens mitverantwortlich sei. Schwarztee oder Kaffee könnten also dieselbe Wirkung zeigen.

Rivella als Sponsor

Rivella hat die Versuche mitfinanziert. Laut Stefan Borgwardt nahm die Firma aber keinen Einfluss auf die Publikation. Auch werde sie die Resultate nicht zu Werbezwecken verwenden, versichert Rivella, zumal «auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden» habe. Nicht dazu äussern wollte sich Rivella, wie viel sie bezahlte und wie der Kontakt zu den Forschenden in Basel zustande kam. Borgwardt seinerseits ging nicht auf die Frage ein, ob er bereit sei, die Kooperationsvereinbarung mit Rivella zu veröffentlichen.

Die Universität Basel und die UPK verbreiteten die Resultate von Borgwardt und Mitforschenden in einer PR-Meldung unter dem Titel «Grüner Tee beeinflusst das Gehirn». Diese Aussage ist insofern ungenau, als die Ergebnisse nur für den einen industriellen Grünteeextrakt gelten, der Rivella Grün zugesetzt wird, nicht für Grüntee generell. Sie seien auch nicht auf andere, in unterschiedlichsten Varianten erhältliche Extrakte übertragbar, bestätigt Borgwardt: «Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen.»

Extrakt versus Naturverbund

Die Tübinger Ärztin und Lehrbuchautorin Dr. med. Susanne Bihlmaier, Dozentin für Naturheilverfahren, nimmt die PR-Meldung zur «Rivella-Studie» kritisch zur Kenntnis. In Industrie-unabhängigen Untersuchungen zeige sich immer wieder, «dass wirksame Inhaltsstoffe im Naturverbund besser aufgenommen werden als in der künstlichen Verdichtung von Extrakten», sagt Bihlmaier. Das sei belegt beim Tomaten-Inhaltsstoff Lykopin, beim Rotwein-Inhaltsstoff Resveratrol oder bei Vitamin C. Noch eindrücklicher sei eine Studie zur Klasse der Soja-Inhaltsstoffe Isoflavone. Soja als Nahrungsmittel könne vor Brustkrebs schützen, während gewisse Isoflavone, werden sie als Extrakt an Spezialmäuse verfüttert, mehr Krebs hervorriefen.

Am besten geniessen wir also weiterhin in Ruhe die zu Hause selber gebraute Tasse Grüntee.


Vor dem Schreiben des Artikels gestellte Fragen an Stefan Borgwardt und seine Antworten (der Austausch zog sich über mehrere Tage hin):

1. Frage: Eine Laien-Verständnisfrage. Sie schreiben über die Zusammensetung des Grünteeextraktes: „Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC).“

Wie muss ich diese Angabe lesen? Heisst das, das Extrakt, gewonnen aus den Blättern der Camellia sinensis, besteht zu rund 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: rund 64% – Woraus besteht der Rest?)

Antwort Borgwardt: Ja. Rivella Grün enthält neben den üblichen ingredients 0,05 % standardized green tea extract. Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC). One gram of extract corresponds to 5.5 g of green tea leaves.

Frage: Oder heisst dies, das dem Rivella beigemischte Grünteeextrakt besteht a) aus dem Extrakt der Blätter und b) zudem zu 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: 64% Polyphenole, Koffein, Theobromin, Theanin PLUS 37% Blätterextrakt)

Antwort Borgwardt: Nein.

Frage: Also letztlich: Wird dem Grünteeextrakt zusätzlich u.a. Koffein zugesetzt, oder ist es ein natürlicher Bestandteil davon?

Antwort Borgwardt: Nein, es wurde kein Koffein zugesetzt. Grünteeextrakt selbst enthält natürlicherweise Koffeein.

2. Frage: Sie schreiben im Paper:

In contrast to the imaging results, we observed no significant effect of green tea consumption on task performances.

In der Medienmitteilung hingegen steht:

The MRI showed increased connectivity between the parietal and the frontal cortex of the brain. These neuronal findings correlated positively with improvement in task performance of the participants.

Dito im Artikel bei Sciencedaily:

Subjects tested significantly better for working memory tasks after the admission of green tea extract.

Einmal also im Paper „no significant effect on task performance“ und einmal „improvement in task performance“ resp. „significantly better for working memory tasks“. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Antwort Borgwardt: Dies ist kein Widerspruch, es sind zwei verschiedene Analysen:

– Working memory performance (also die Leistung): There was a strong trend toward a significantly improved task performance as expressed by the sensitivity index d′ after consumption of green tea extract [mean (SD): 3.23 (0.42)] compared with the control drink [mean (SD): 2.84 (0.45); t(11)=2.041; p=0.066; Fig. 2]. Dies bedeutet, dass es zwar einen klaren Trend (p<0.066) gab, aber keine statistische Signifikanz (wäre p<0.05) (deshalb: "we observed no significant effect of green tea consumption on task performances"). - Effective connectivity results: ... Importantly, we found a significant positive correlation between the effect of green tea on task performance and right SPL→right MFG connectivity (r=0.637, p=0.035; Fig. 5). Das bedeutet, dass es eine positive, statistische signifikante Korrelation zwischen der connectivity (also dem imaging Resulat) und der Leistung gab. 3. Frage: Sie schreiben:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

Warum haben Sie ergo das Grünteeextrakt nicht von vorneherein in Reinform verabreicht?

Antwort Borgwardt: Wir wollten einen standartisierten Grünteeextrakt verwenden. Wir hätten grundsätzlich auch Grünteeblätter nehmen können, hätten dann aber mit immer anderen Zusammensetzungen (siehe oben) zu tun gehabt. Es wäre daher nicht möglich gewesen, einheitliche Dosen zu verwenden. Eine gleichbleibende definierte Zusammensetzung garantiert nur ein kommerziell hergestellter Extrakt.

4. Frage: Wenn Sie de facto nicht sagen können, ob das reine Grünteeblätterextrakt oder das Koffein oder sonst ein Bestandteil von Rivella Grün für den mit den bildgebenden Verfahren sichtbare Effekt verantwortlich ist, steht der Titel des Papers auf eher tönernen Füssen: „Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing“. Sehe ich das richtig?

Antwort Borgwardt: Aus meiner Sicht reflektiert der Titel genau den Inhalt und das Ergebnis der Studie: Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing. Sie fragen nach differentiellen Effekten innerhalb des Grünteeextraktes (also ist welches der Katechine ist für die Wirkung verantwortlich, also Epigallocatchin Gallat (EGCG) oder Koffein oder auch andere). Diese Frage war in dieser Studie nicht die Forschungsfragestellung (Hypothese), sondern lediglich wie sich der gesamte Grünteeextrakt auf neurale Prozesse auswirkt, da möglich ist, dass sich die verschiedenen Inhaltsstoffe auch wechseitig in ihrer Wirkung verstärken können.

5. Frage: Warum haben Sie Rivella Grün mit Rivella Blau verglichen und nicht z.B. Rivella Grün und andere grünteeextrakthaltige Softdrinks und reines Grünteeextrakt mit einer Kontrollgruppe, die z.B. Wasser trank?

Antwort Borgwardt: Wir wollten für zwei „Konditionen“ vergleichen, die sich – bis auf Grünteeextrakt – gar nicht oder sehr wenig unterschieden. Daher wäre ein Vergleich mit Wasser nicht sinnvoll gewesen, stattdessen ist der Softdrink (ohne Grüntee-Extrakt) die Placebo-Kondition. Wenn wir Rivella Grün mit anderen grünteeextrakthaltigen Softdrinks verglichen hätten, hätten sich diese in zwei Faktoren unterschieden: a) im den unterschiedlichen Grünteeexktrakten mit wahrscheinlich unterschiedlichem Wirkstoffkonzentrationen und b) durch Unterschiede zwischen den Softdrinks, was nicht der Forschungsfragestellung entsprochen hätte.

6. Frage: Die Studie wurde finanziert von Rivella. Sind Sie bereit, die Kooperationsvereinbarung mit und die finanziellen Leistungen von Rivella zu veröffentlichen?

Antwort Borgwardt: Die Studie wurde durch Rivella mit einem „unrestricted grant“ teilfinanziert. Da es eine initator-driven study war, hatte Rivella „no role in study design, collection, analysis, interpretation of data, writing of this report, and in the decision to submit the paper for publication.“ Ausserdem wurde die Studie durch andere z.B. das University Hospital Basel massgeblich finanziert.

7. Frage: In Ihrer Medienmitteilung schreiben Sie:

Die Forschungsresultate haben grosses Potenzial für die klinische Anwendung: Die Erforschung der Konnektivität zwischen den Hirnregionen während der Verarbeitung von Arbeitsgedächtnisaufgaben könnte helfen, die Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz zu beurteilen.

Ihre Studie kann, wie Sie im Abschnitt „Limitations“ schreiben, nicht ausschliessen, dass die beobachteten Effekte vom Koffein oder anderen Bestandteilen, die NICHT Grünteeextrakt sind, ausgelöst wurden. Was führt Sie vor diesem Hintergrund zur Aussage im Communiqué, die Ergebnisse könnten helfen, die Effektivität von grünem Tee „für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz“ zu beurteilen?

Antwort Borgwardt: Die Studie zeigt eine Möglichkeit mittels funktioneller Bildgebungsmethoden die neuronalen Korrelate – von bereits in früheren Studien nachgewiesenen Effekten von Grüntee-Extrakt – aufzuzeigen. Funktionelle Bildgebungsstudien und Konnektivitätsuntersuchungen werden bei verschiedenen neuropsychiatrischen Erkrankungen eingesetzt, um Assoziationen zwischen klinischem Zustandsbild und Hirnfunktion zu untersuchen.

8. Frage: Die 12 Teilnehmer ihrer Studie waren zwischen 18 und 35 Jahre alte, gesunde Männer (gemäss clinicaltrials.gov). Was führt Sie, ausgehend von diesem Sample, dazu, auf eine mögliche „Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von (…) Demenz“ zu schliessen?

Antwort Borgwardt: Hintergrund sind die in der Einleitung genannten Studien: Furthermore, higher consumption of green tea has also been associated with a lower prevalence of cognitive impairments in older adults (Kuriyama et al. 2006). Comparable results were obtained in another study investigating the association between green tea consumption and cognition in 2,501 people aged over 55 years by showing that the intake of green tea was significantly related to a lower prevalence of cognitive impairments (Ng et al. 2008). In addition to preventing cognitive decline, green tea consumption might even lead to better cognitive performances in community-living older adults (Feng et al. 2010), which may indicate a cognitive enhancing effect in healthy subjects.
In der Diskussion werden dann die potentiellen biologischen Mechanismen (oxidativer Stress, NMDAR etc) sowie der Zusammenhang zur Alzheimer Erkrankung im Detail diskutiert (ganzer Abschnitt: Plasticity-dependent mechanism underlying the effect of green tea on cognitive functioning).

9. Frage: Rivella Grün enthält laut Ihrem Artikel 25g/l Fructose, dem Rivella blau wurden gemäss Paper 25g/l Sucrose hinzugefügt. Auf der Website von Rivella ist nachzulesen, dass Rivella Grün pro Liter 16g Lactose und 24g Fructose enthält (wörtlich: „1 Becher (250ml) enthält Zucker 10g – davon 4g Milchzucker aus Milchserum und 6g (Rest) Fruchtzucker“). Rivella Blau enthält laut Rivella-Website pro Liter 16g Lactose.

Die beiden Versuchsgetränke unterschieden sich ergo nicht nur hinsichtlich des Grünteeextrakts, sondern auch hinsichtlich der Zuckerarten. Versuchsrivella Grün: 16g Lactose + 24g Fructose, Versuchsrivella Blau: 16g Lactose (nicht Fructose) + (zugesetzte) 25g Sucrose. Können Sie ausschliessen, dass die von Ihnen beobachteten Effekte auf die Unterschiede der enthaltenen Zuckerarten zurückzuführen sind?

Antwort Borgwardt: Die beiden Getränke waren vom Geschmack her „equisweet“. Rivella blau wurde mit Zucker versetzt (= Sucrose; diese besteht aus 1 Molekül Glucose plus 1 Molekül Fructose); dies ergibt für Rivella blau also in etwa 12.5 g Fructose der Rest Glucose). Für Details bitte auch Antwort auf Frage 10.

10. Frage: Lieferanten für Grünteeextrakt gibt es sehr viele. Die B2B-Plattform Alibaba nennt z.B. über 1’000. Sie liefern Grünteeextrakte unterschiedlichster Zusammensetzung. Der Titel Ihres Papers „Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing“ spricht generell von „Green tea extract“. Die Zusammensetzung davon kann allerdings sehr stark variieren. Das Paper spezifiziert unter „Composition of test drinks“ die Zusammensetzung des konkreten verwendeten Grünteeextrakts.

Inwiefern sind Ihre Beobachtungen verallgemeinerbar von jenem einen Extrakt von dem einen Lieferanten, den Rivella beimischt, zu anderen Extrakten anderer Lieferanten?

Antwort Borgwardt: Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen. Wir haben lediglich den im Paper beschriebenen Extrakt untersucht.

11. Frage: Gemäss der Etiketten unterscheiden sich die beiden von Ihnen verwendeten Rivellas in mehrfacher Hinsicht, nicht nur in der Tatsache, dass die grüne Variante Grüntee-Extrakte enthält. Zwar haben Sie, wie im Paper beschrieben, der blauen Variante Zucker (Sucrose) hinzugefügt, um den Gesamtzuckergehalt auszugleichen, aber dann sind da immer noch die Vitamine C (laut einiger Quellen hat dieses auch einen Einfluss auf die Gehirnaktivität) und B6, das Gerstenmalz-Extrakt, das in der grünen Variante drin ist, aber nicht in der blauen und die unterschiedlichen verwendeten Süssstoffe.
Darum stellt sich mir, mit Verlaub, umso dringender und ernsthafter die Frage, wie Sie so sicher sein können, dass die mittels bildgebender Verfahren beobachteten Unterschiede tatsächlich alleine auf das Grüntee-Extrakt zurückzuführen sind, und nicht auf einen der anderen, nur in Rivella Grün enthaltenen Stoffe. Insbesondere wäre ich froh, Sie könnten mir erläutern, was für Sie die überzeugenden Argumente sind, dass die beobachtete Wirkung vom Grüntee-Extrakt ausgeht und nicht von einem anderen Inhaltsstoff.

Antwort Borgwardt: In Rivella Grün sind enthalten in 250 / 500 ml: 30 / 60 mg Vitamin C und 0.75 / 1.5 mg Vitamin B6. Selbst wenn man eine 100% Aufnahme der Vitamine in das Blut (=Bioverfügbarkeit) annehmen würde, würde nach einmaliger, akuter Gabe von Rivella nur Butkonzentrationen von 30 mg / 5 Liter Blut = 6 mg/L (250 ml Rivella) oder 12 mg /L Vitamin C resultieren.

In diesen Konzentrationen ist Vitamin C ohne irgendwelche Effekte auf mentale Effekte, wie die nachfolgende Publikation zeigt:
Am J Clin Nutr. 1981 Sep;34(9):1712-6. Lack of effect on mental efficiency of extra vitamin C. Adam K. Abstract: Twenty men (mean age 21 yr) took part in a double-blind cross-over trial to compare psychomotor performance when plasma vitamin C levels were high (16.28 +/- 3.75 mg/l) owing to supplementation, with times when levels were low (6.15 +/- 3.88 mg/l). Subjects were tested at 0730, 1130, and 1900 h by an hour-long auditory vigilance test to assess alertness, a digit-symbol substitution task to test short-term memory, and a memory-for-digits test to measure immediate memory. No significant differences were found on these measures of performance, nor was there any change in their subjectively rated sheep quality, alertness, concentration, or mood.

Vitamin B6 scheint wenn überhaupt nur bei Langzeitgabe in Dosierungen bis 25 mg / Tag und dann vor allem bei Patienten mit einem Vitamin B6 Mangel kognitive Verbesserungen zu bewirken. im Grossen und Ganzen ist die Wirkung (der viel höheren Vitamin B6 Dosen) eher enttäuschend, siehe als Beispiel die folgende Studie:

J Nutr. 2007 Jul;137(7):1789-94. Heterogeneity and lack of good quality studies limit association between folate, vitamins B-6 and B-12, and cognitive function. Raman G1, Tatsioni A, Chung M, Rosenberg IH, Lau J, Lichtenstein AH, Balk EM. Abstract: We conducted a systematic review to evaluate the association between folate, vitamin B-6, vitamin B-12, and cognitive function in the elderly. Our search was conducted in Medline for English-language publications of human subjects from 1966 through November 2006; we supplemented these results with information from article reviews and domain experts. We included longitudinal cohort and case-control studies of B vitamins and analyses of cognitive tests or Alzheimer’s disease. We evaluated the quality and heterogeneity of study outcomes and assessed 30 different cognitive function tests. Of 24 studies that met eligibility criteria, 16 were determined to be of fair quality. A majority of the studies reviewed 2 or more B vitamins. Considerable heterogeneity was found among B-vitamin-level thresholds, comparisons, and data analyses. Six of 10 folate studies reported a significant association between low baseline blood folate concentrations and subsequent poor test performance in the global cognitive domain, and 4 of 9 folate studies found associations between low blood folate concentrations and increased prevalence of Alzheimer’s disease. Studies did not reveal an association of vitamin B-6 and vitamin B-12 blood concentrations with cognitive-test performance or Alzheimer’s disease, nor was B-vitamin dietary intake associated with cognitive function. Higher plasma homocysteine concentrations were associated with poorer cognitive function. Although the majority of studies indicated that low blood folate concentrations predicted poorer cognitive function, data supporting this association were limited because of the heterogeneity in cognition-assessment methodology, and scarcity of good quality studies and standardized threshold levels for categorizing low B-vitamin status.

Das hat auch ein ein Cochrane Review bestätigt:

Cochrane Database Syst Rev. 2003;(4):CD004393. The effect of vitamin B6 on cognition. Malouf R1, Grimley Evans J. … REVIEWER’S CONCLUSIONS:
This review found no evidence for short-term benefit from vitamin B6 in improving mood (depression, fatigue and tension symptoms) or cognitive functions. For the older people included in one of the two trials included in the review, oral vitamin B6 supplements improved biochemical indices of vitamin B6 status, but potential effects on blood homocysteine levels were not assessed in either study. This review found evidence that there is scope for increasing some biochemical indices of vitamin B6 status among older people. More randomized controlled trials are needed to explore possible benefits from vitamin B6 supplementation for healthy older people and those with cognitively impairment or dementia.

Wir haben eine AKUTE Dosierung verabreicht. In der Literatur haben wir keinen Hinweis auf akute kognitive Effekte von Vitamin B6 gefunden.

Gerstenmalz wird in nicht genau spezifizierten, aber geringen Mengen zugesetzt. Es besteht vor allen aus Stärke (besteht aus verzweigtkettigen Glucose-Ketten) und Maltose (ein aus zwei verküpften Glucose-Molekülen). Beide werden vom Körper ebenso wie Sucrose (=Saccharose, besteht auch Glucose und Fruktose) nicht als solche aufgenommen, sondern erst nach Spaltung und die Einzelzucker. Somit ist der Unterschied durch die geringe Beimengung von Gerstenstärke vernachlässigbar.

Wie in wissenschaftlichen Publikationen üblich haben wir die von Ihnen erwähnten Limitationen der Studie auch in unserem Paper explizit diskutiert:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

12. Frage: Es fällt mir leider erst jetzt auf: Sie schreiben im Paper unter „Experimental Design“:

Participants received either 250 or 500 ml milk whey-based soft drink containing 13.75 and 27.5 g of green tea extract.

Lese ich das richtig? In ihrem Rivella Grün waren 27,5 Gramm Grünteeextrakt pro halbem Liter Getränk?
Die Mengenangabe auf der Ettikette auf der Rivella Grün Flasche im Laden lautet 0.05%. Das ist ein halbes Promille und wäre auf ein Kilogramm / einen Liter umgerechnet, Irrtum vorbehalten, ein Viertel Gramm pro halbem Liter oder 250mg, nicht 27,5 Gramm. Hat sich da irgendwie der Tippfehlerteufel in Ihr Manuskript eingeschlichen oder habe ich mich massiv verrechnet?

Antwort Borgwardt: In der definitiven Print-Version des Papers wird 27,5 mg (statt g) stehen.

Von mir etwas spät nachgereichte, drum wohl aus Zeitgründen bisher unbeantwortet gebliebene (und unbeantwortet bleibende?) Fragen:

13. Frage: Der konkrete, von Rivella verwendete Grünteeextrakt besitzt eine definierte, standardisierte Zusammensetzung. Jede Tasse selbst gebrühter Grüntee wird mehr oder weniger stark davon abweichen. Trotzdem verwendet die Medienmitteilung „Grüntee“ und „Grüntee-Extrakt“ quasi synonym. Als Illustration verwendet die Medienmitteilung der Uni Basel z.B. explizit eine Tasse Grüntee. Ebenso sprechen Sie im Paper in den Conclusions mal von „green tea extract enhances…“ und mal von „green tea induced improvements“. Halten Sie diese Gleichsetzung von standardisiertem Grünteeextrakt und in den Inhaltsstoffen natürlicherweise schwankendem Grüntee für zulässig?

14. Frage: Kann die Anlage des Versuchs ausschliessen, dass alleine das im Extrakt enthaltene Koffein für die beobachteten Effekte verantwortlich ist? Falls Nein: Hätte eine – standardisierte – Tasse Kaffee möglicherweise dieselben Effekte hervorgerufen?

15. Frage: Warum gibt es keine dritte Versuchsreihe mit Personen, die weder Rivella Blau noch Rivella Grün verabreicht erhielten? Als „Baseline“ quasi, um zu sehen, in welche Richtung die Rivella-induzierten Effekte gehen. Vielleicht wären die Verknüpfungen ohne jedes Rivella noch besser? Vielleicht dämpft Rivella Blau die Verknüpfungen unter die Baseline?


Fragen an die Mediensprecherin von Rivella

  • Wie kommentieren Sie die Resultate (von Borgwardt et al.)?
  • Planen Sie, die Resultate Ihrerseits in Ihr Marketing für Rivella Grün einzubauen?
  • Wie und wann ist der Kontakt zwischen den Forschenden und Rivella zustande gekommen? (Insbesondere: Hat Rivella die Studie in Auftrag gegeben? Oder: Kamen die Forschenden von sich aus auf Rivella zu?)
  • Wie hoch waren insgesamt die „grants“, mit denen Rivella die Studie unterstützt hat?

Antwort Rivella: Die von der Uni Basel (Universitätsspital Basel und UPK Basel) kürzlich veröffentlichte Studie ist Teil unserer umfassenden Analysen rund um Rivella Grün und seine Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und geistigen Fähigkeiten, die bis ins Jahr 2001 zurück gehen.

Obwohl die Resultate der Studie vielversprechend waren haben wir uns entschieden, diese nicht weiter zu verfolgen, hauptsächlich aus folgenden Überlegungen:

  • Rivella Grün ist ein Erfrischungsgetränk und kein Heilmittel
  • in der Zwischenzeit hatte auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden
  • Umfassende weitere Studien mit grösseren Testgruppen wären nötig gewesen, um die Resultate zu bestätigen

Wir werden die Resultate der Studie nicht für unsere Kommunikation nutzen. Über den finanziellen Aufwand geben wir keine Auskunft.

Nachfrage, nach Erhalt der Antworten: Sie haben mir keine Auskunft gegeben darüber, wie der Kontakt zwischen Forschenden und Rivella zustande kam. Ich gehe davon aus, dass dies eine bewusste Entscheidung ihrerseits ist.

Antwort Rivella: Ja, das ist korrekt.

«Glycsmomente» für die Universität Basel

Der Universität Basel steht ein ausserordentlicher Geldsegen ins Haus. Für das Molekül eines ihrer Professoren zahlt Pfizer einem Partnerunternehmen der Uni vermutlich bald mehrere hundert Millionen Dollar. Zehn Prozent fliessen von dort weiter nach Basel. Der Anteil des Professors daran ist, finanziell gesehen, mehr wert als zehn Nobelpreise zusammen. Weitere ambitionierte Unternehmer-Professoren sind in den Startlöchern.

GLYCOMIMETICS FEATURED AS NASDAQ'S FIRST IPO OF 2014

Leicht gekürzt erschienen in der TagesWoche vom 7. Februar 2014.

Am 15. Januar 2014 ging die zwei Dutzend Angestellte zählende US-Pharma-Firma Glycomimetics an die New Yorker Technologiebörse NASDAQ und brachte 8 Millionen Aktien zu $8 unter die Leute. Der Börsengang, von der NASDAQ als erster im Jahr 2014 mit einem prominent platzierten Monsterplakat am New Yorker Times Square gefeiert, spülte netto rund $57 Millionen neues Geld in ihre Kasse. Heute ist Glycomimetics, geführt von der ehemaligen Novartis-Managerin Rachel K. King, an der Börse $175 Millionen wert, der Aktienkurs liegt bei knapp $10. Seit der Gründung am 21. Mai 2003, hautptsächlich mit Geld der US-Risikokapitalgesellschaft New Enterprise Associates, gab Glycomimetics $82,7 Millionen aus und nahm $23,5 Millionen ein. Ausser Aktien hat die Firma noch nie ein greifbares Produkt verkauft.

Glycomimetics Firmenschild

Trotzdem zahlte der Pharmakonzern Pfizer 2011 $22,5 Millionen Dollar in bar und versprach weitere $327 Millionen, plus Umsatzbeteiligung, für die weltweiten Rechte an der chemischen Verbindung mit dem Codenamen GMI-1070 im Portefeuille von Glycomimetics. Sich ausgedacht und gebaut hat das Molekül der Chemiker Beat Ernst am Biozentrum der Universität Basel.

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst

Seit 2004 bezahlte Glycomimetics, laut Uni-Mediensprecher Matthias Geering, jedes Jahr rund $200’000 für die Arbeit von Ernst und einem Teil seiner Forschungsgruppe.

In einem Interview mit Schweizer Radio DRS2 erklärte Beat Ernst 2012, er und sein Team seien für «Design und Synthese» der Moleküle verantwortlich.

Danach wanderten diese zu Glycomimetics. Wo «an ihren Strukturen weitergearbeitet» werde und die Moleküle in Tierversuchen getestet würden. Dabei habe sich gezeigt, dass GMI-1070 äusserst effizient verstopfte Blutgefässe wieder durchlässig machen könne. Das war das klare Signal, die Substanz an Menschen auszuprobieren!

Im April 2013 schloss Glycomimetics die ersten Versuche an Patienten ab, die so genannten Phase-II-Tests. Die Substanz wurde 76 zwischen 12 und 60 Jahre alten Personen verabreicht, die an der Sichelzellenanämie leiden. Ein Symptom dieser Erkrankung der roten Blutkörperchen ist ein in Schüben auftretender, äusserst schmerzhafter Verschluss der Blutgefässe. GMI-1070 konnte diesen rascher beheben als ein Placebo, was zeigte, dass es wirkt.

Der Vertrag von Glycomimetics mit Pfizer sieht vor, dass die weiteren Tests bis zur Zulassung eines Medikaments in der Verantwortung des Pharmagiganten liegen. Laut der Übereinkunft zahlt Pfizer insgesamt $115 Millionen, wenn die ersten so genannten Phase-III-Tests beginnen (voraussichtlich Mitte 2014) und später der kommerzielle Verkauf des Medikaments in den USA und Europa anläuft. Weiter erhält Glycomimetics $70 Millionen, wenn die Zulassungsbehörden in den USA und Europa das Medikament bewilligen. Und bis $135 Millionen werden fällig, wenn gewisse Umsatzziele erreicht werden. Zudem erhält Glycomimetics einen Anteil an kommenden GMI-1070-Umsätzen. Dieser bewege sich zwischen 10% und 40%. Laut Dokumenten der us-amerikanischen Börsenaufsicht reicht er «from the low double digits to the low teens», je nach Geschäftsgang..

Von den in Aussicht stehenden $327 Pfizer-Millionen und den Umsatzbeteiligungen gehen immer 10% an die Universität Basel. So steht es im Kooperationsvertrag von 2004 zwischen Glycomimetics und Hochschule. Laut Artikel 16 der «Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit» sieht der uniinterne Verteilschlüssel so aus: 30% davon erhält die Universität als ganze, 30% gehen an die Organisationseinheit bei der Beat Ernst tätig ist, das Departement Pharmazeutische Wissenschaft, und 40% des Uni-Anteils an den Pfizer-Millionen stehen Ernst zu. Das ergibt im besten Fall für ihn rund $13 Millionen. Sollte sich das GMI-1070-Medikament als Umsatzrenner erweisen bei Pfizer, kommt möglicherweise noch Einiges mehr hinzu. Zum Vergleich: Bis anhin erwirtschaftet die 554 Jahre alte Universität Basel aus Lizenzen und Patenten pro Jahr rund 300’000 Franken.

Nachbarschaften

Ob der 5%-Anteil, den die Universität seit April 2013 hält an der Basler GeneGuide AG, je ähnlich ihre Kassen klingeln lassen wird, steht noch in den Sternen. Zwei Neuropsychiater der Universität, Dominique de Quervain und Andreas Papassotiropoulos, gründeten GeneGuide am 3.4.2013 in den Räumen der Advokatur Vischer mit Fr. 52’500.-. Laut ihren Statuen bezweckt die Firma «die Herstellung und den Vertrieb von Produkten und die Erbingung von Dienstleistungen auf dem Gebiet der Life Sciences, insbesondere der Neurowissenschaften.» Die GeneGuide AG ist daheim an der Birmannsgasse 8, zur Untermiete bei der Abteilung für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Basel, wo ihre Gründer arbeiten. Die Telefonnummer der GeneGuide ist dieselbe wie jene ihres Arbeitsplatzes. Für den Tisch, den die GeneGuide derzeit belegt, zahlt sie der Universität Fr. 2’820 pro Jahr.

Unbenannt

Papassotiropoulos und de Quervain verfügen über sehr umfangreiches Datenmaterial von 2’500 zwischen 18 und 35 Jahre alten Personen, gewonnen aus Befragungen, Verhaltens- und Gedächtnistests, Gehirnuntersuchungen mit verschiedenen bildgebenden Verfahren und genetischen Analysen von Blut- und Speichelproben. Dieser Datenberg gehört der Universität Basel.

Die TagesWoche konnte den Vertrag zwischen GenGuide und Universität einsehen. Gemäss der Vereinbarung lizenziert sie diese Information bis 2028 an GeneGuide gegen den Aktienanteil und eine Umsatzbeteiligung im tiefen zweistelligen Bereich. Der Vertrag verpflichtet GeneGuide, sich aktiv für die Kommerzialisierung der Daten einzusetzen und jährlich über entsprechende Aktivitäten und Umsätze zu rapportieren. Untätigkeit wäre ein Vertragsbruch.

Papassotiropoulos und de Quervain wollen durch die geschickte Interpretation der Daten ihrer 2’500 Probanden neue, psychopharmakologische Einsatzgebiete finden für bereits bekannte Medikamente. Am 22. Oktober 2013 vermeldete die Uni Basel einen ersten Treffer: «Durch Genanalysen entdeckt: Medikament reduziert negative Erinnerungen». Die Profs hatten die etablierte, antiallergisch wirkende Substanz Diphenhydramin getestet. Sie stellten laut Uni-Communiqué fest, dass sie «zu einer signifikanten Reduktion der Erinnerungsfähigkeit von zuvor gesehenen negativen Bildern» führe. Erlebt vielleicht ein angejahrtes Anti-Histaminikum einen zweiten Frühling als «Pille danach» für traumatische Erlebnisse?

Auch bei GeneGuide hat die Industrie den Fuss in der Türe. Laut der Universität bestehe «eine erste Zusammenarbeit mit dem biopharmazeutischen Unternehmen Amgen».

Welche Wissenschaft wollen wir?

Die Universität Basel schafft den Bereich Wissenschaftsforschung ab. Ein kurzsichtiger Entscheid.

(für TagesWoche Printausgabe vom 10.1.2014)

Sie geht ohne Groll, Sabine Maasen, nur noch bis Ende Januar Professorin für Wissenschaftsforschung und -soziologie an der Uni Basel. Sie schaut nach vorne. Ihr «Programm für Wissenschaftsforschung», unterwegs seit Anfang der 2000er-Jahre, wird abgewickelt. Seine Projekte am Rheinknie laufen aus. Die Mitarbeitenden, die meisten mit befristeten Verträgen, müssen weiterziehen.

Die Wissenschaftsforschung in Basel analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und beobachtete die Risikodiskussion rund um die Nanotechnologie.

In München baut Maasen ab Frühling 2014 an der Technischen Universität ein mit mehreren Millionen Euro dotiertes Zentrum zur Erforschung der wechselseitigen Beeinflussung von Gesellschaft und Wissenschaft auf, das Munich Center for Technology in Society. Für Maasen ist es ein Karriereschritt, für Basel ein doppelter Verlust.

Ungewöhnliches Vorgehen

Nicht nur verliert die Uni eine ­pro­filierte Wissenschaftlerin. Auch ihr Lehrstuhl wird nicht wieder­besetzt, sondern «aus finanziellen Gründen neu ausgerichtet». So formuliert es Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen ­Fakultät.

Die Mittel der Wissenschafts­forschung verschiebt die Uni in die Politologie, dort zugunsten ­einer zweiten Professur. Die zuständigen Gremien der Universität fassten den Beschluss im Frühling 2013, als intern bekannt wurde, dass ­Maasen nach München wechseln würde.

Dass Hochschulen bei Abgängen die Budgetzuteilung unter die Lupe nehmen, ist courant normal. Dass ein Forschungsfeld bei der Gelegenheit aber gleich ganz gestrichen wird, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der Wissenschaftsforschung in Basel war es eine Abschaffung mit Ansage.

Als der Universitätsrat im Herbst 2012 den Trägerkantonen Basel-Stadt und Baselland unterbreitete, was die Uni an Geldern brauche, um ihre auf sechs Schwerpunkten fus­sende, seit 2011 entwickelte «Strategie 2014» voll umzusetzen, kam er bis 2017 auf einen Mehrbedarf von 55 Millionen Franken pro Jahr. Das fand selbst er «nicht realistisch», wie es im Antrag heisst, und drückte den Betrag von sich aus auf 20 bis 30 Millionen. Als ein Mittel dazu stellte er in Aussicht, bis 2017 gut 15 Millionen Franken einzusparen «durch Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren». Also mittels Stellenabbau und -umlagerung.

Feilschen ums Geld

Das reichte den Regierungen in Liestal und Basel aber nicht, und sie kürzten der Universität die beantragten Beitragserhöhungen «deutlich», wie sie in ihrem Beschluss vom 27. August 2013 schreiben. Die Uni wünschte, dass von 2014 bis 2017 die Kantonsbeiträge von 324 auf 356 Millionen Franken pro Jahr steigen sollen. Davon liessen die Regierungen ein Wachstum von 321 auf 329,5 Millionen übrig. Dieses reduzierte Wachstum der Uni bis 2017 segneten die Parlamente in Basel und Liestal Mitte Dezember ab.

In dieses Feilschen zwischen Universität und Regierungen um die Beitragserhöhungen hinein erhielt Sabine Maasen das Angebot aus München. Den uniinternen Entscheidern, wohl ahnend, dass ihre finanziellen Begehrlichkeiten nicht im gewünschten Masse befriedigt würden, kam dies offenbar gelegen. Sie exerzierten durch, was sie in ihrem Antrag mit «Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren» gemeint hatten. Das bedeutete das Aus für die Selbstreflexion der Wissenschaft an der Universität Basel.

Kein Interesse für Ab- und Umbaupläne der Uni

Der Entscheid fiel faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar ist der Universitätsrat verpflichtet, das Organ der Oberaufsicht über den Universitätsvertrag zwischen Baselland und Basel-Stadt, die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK), «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten». Aber IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis davon, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll». Er hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Landrat und im Grossen Rat, dass darüber nicht informiert wurde». Und er fordert, die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung müsse für die Universität «zentral sein und auch in Zukunft bleiben», sonst sei «die Gefahr einer unkontrollierten Verselbstständigung der Forschung real».

Der «Fall Wissenschaftsforschung» ist der erste, der öffentlich wurde. Weitere «Umlagerungen» werden wohl folgen. Zwar wissen die Parlamente in Basel und Liestal, dass Professuren gestrichen würden, seit ihre Mitglieder den regierungsrätlichen Ratschlag zur Uni-Finanzierung Ende August 2013 auf den Tisch bekamen. Aber weder in Basel noch in Liestal erhob sich ­bisher eine parlamentarische Stimme und verlangte Auskunft über die konkreten Ab- und Umbaupläne an der Universität. Dass davon die Hätschelkinder des von Pharma- und Industrieinteressen dominierten Universitätsrats, die Life Sciences, ausgenommen sein werden, ist so ­sicher wie das Amen in der Kirche.

Dabei wären gerade vor diesem Hintergrund jene Fragen zu diskutieren, über die Ueli Mäder, Sozio­logieprofessor an der Uni Basel, sagt, sie würden nach der Streichung der Professur von Sabine Maasen hier weniger erforscht: «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?»

Das Aus für die Wissenschaftsforschung an der Uni Basel

Die Universität Basel streicht das «Programm für Wissenschaftsforschung». Sein Budget fliesst ans Europainstitut. Zehn Mitarbeitende stehen auf der Strasse. Die Politik wurde nicht informiert über die Abschaffung der wissenschaftlichen Selbstreflexion.

(für TagesWoche online, 6.1.2014)

Wie tickt Wissenschaft? Was treibt ihre Akteure an? Wo wirkt die Einmischung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft?

Solchen Fragen ging seit zehn Jahren das Basler «Programm für Wissenschaftsforschung» nach, geleitet von Sabine Maasen. Sie war seit 2001 an der Universität Basel tätig, seit 2009 als ordentliche Professorin für Wissenschaftsforschung. Nun wechselt Maasen nach München, wo sie die Leitung des im Aufbau befindlichen Munich Center for Technology in Society übernimmt.

Maasens damit in Basel frei werdenden Lehrstuhl streicht die Universität. Die Wissenschaftsforschung wird abgeschafft. Laut einem Insider seien deswegen rund zehn Personen in Basel «kurz- oder mittelfristig ohne Stelle als Folge des Weggangs».

Das «Programm für Wissenschaftsforschung» analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, es untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und betrieb Studien zur Kulturgeschichte der Ernährungswissenschaften.

«Wir kennen keine Abschaffung»

Gefragt nach den Gründen für die Streichung der wissenschaftlichen Selbstreflexion, sagt Uni-Kommunikationschef Matthias Geering: «An der Universität Basel kennen wir keine Abschaffung von Bereichen; vielmehr ist es so, dass die verschiedenen Gremien (Departement, Fakultät, Rektorat) sich bei jeder Neubesetzung über die Ausrichtung der neuen Professur – ob im Sinne der Fortsetzung der bestehenden Ausrichtung oder im Sinne einer Neuorientierung – Gedanken machen.»

Dabei seien diese Gremien zum Schluss gekommen, dass man «den für die Entwicklung der Sozialwissenschaften wichtigen Bereich der Politologie festigen» wolle und darum das Budget der Wissenschaftsforschung dorthin umlagern werde. Die künftig mit dem Budget von Maasen alimentierte neue Professur für Politikwissenschaften ist bereits ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Januar.

«Gemäss unseren Informationen stehen keine Mitarbeitende auf der Strasse», schreibt Geering in einer Stellungnahme zu den Umlagerungen. «Es kann sein, dass gewisse befristete Verträge auslaufen. Weder mir noch dem Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, Roberto Lazzari, noch der Personalabteilung sind aber Kündigungen von unbefristeten Verträgen bekannt.»

Die Politologie steckt in Basel bisher in den Kinderschuhen.

Die Politologie steckt bisher in Basel «in den Kinderschuhen», wie Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, es auf Anfrage ausdrückt. Erst seit knapp einem Jahr existiert eine einzelne ordentliche Professur für Politikwissenschaft an der Uni Basel, gehalten von Laurent Goetschel, Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Diese Professur ist am Europainstitut beheimatet.

Ein fachkundiger, namentlich nicht genannt sein wollender Beobachter setzt grosse Fragezeichen hinter diese Umlagerung. Er fragt sich, «wie Basel im Bereich der Politologie in der Schweiz oder international irgendwie auffallen» könne. Andere Universitäten seien da viel besser aufgestellt.

Ein vergleichender Blick auf die ausgebauten politikwissenschaftlichen Angebote der Hochschulen in Bern, Genf, Lausanne, Zürich, St. Gallen und Luzern bestätigt, dass jenes in Basel zwar ambitioniert, aber doch eher bescheiden ist.

Neuausrichtung aus finanziellen Gründen

Mit der «aus finanziellen Gründen notwendig gewordenen Neuausrichtung» der Professur für Wissenschaftsforschung «geht eine Schwächung dieses Bereiches einher», gibt Geschäftsführer Lazzari zu. Die Fakultät bedauere diese Entwicklung. Die Umlagerung der Mittel diene unter anderem der «Stärkung und Neupositionierung des Europainstitiuts Basel (EIB)», sagt Lazzari.

Das EIB nennt sich seit einigen Monaten Institute for European Global Studies. Unter «internationale Kooperationspartner» listet das Institut mit – neuerdings – dem «Global» im Namen allerdings erst die East China Normal University of Shanghai, den «Cluster Asien und Europa» der Universität Heidelberg und das auf Chinesischunterricht und Wirtschaftsaustausch spezialisierte, je zur Hälfte vom chinesischen Staat und der Uni Basel finanzierte Konfuzius-Institut am Steinengraben auf.

Europainstitut hat bessere Lobby

In Stiftungsrat und Förderverein ist das EIB durchsetzt mit den «üblichen Verdächtigen» aus Wirtschaft, Politik und Advokaturbüros der Nordwestschweiz (Roche, Novartis, UBS, Baloise, Vischer Advokatur etc.). Das EIB vermittle «Kompetenzen, die sich die Wirtschaft von ihren Mitarbeitern wünscht», lässt sich Thomas Staehelin, Präsident der Handelskammer beider Basel, auf der EIB-Website zitieren. So aufgestellt, hatte das EIB offenbar die bessere Lobby im universitätsinternen Verteilkampf. Es stach die selbstkritische Wissenschaftsforschung aus.

«Ziemlich deprimierend»

An der ETH Zürich befasst sich Michael Hagner hauptamtlich mit diesem Forschungszweig. Er konstatiert, dass nach der Streichung der Professur in Basel «die soziologisch orientierte Wissenschaftsforschung in der Schweiz überhaupt nicht mehr vertreten» sei, «was dann doch ziemlich deprimierend» sei. Übrig blieben laut Hagner «die eher epistemologisch orientierten Professuren von Christoph Hoffmann in Luzern, Bruno Strasser und Marcel Weber in Genf und meine Stelle».

Hagner beobachtet, dass man sich «vor 25 und auch noch vor 10 Jahren» dafür interessierte, «welche kognitiven, technischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Triebkräfte für die Dynamik und Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis relevant sind». Heute habe er «den Eindruck, dass sich für diese Frage nicht mehr allzu viele Wissenschaftsplaner und -manager interessieren».

Stattdessen wollten diese wissen, «welche sozialen und ökonomischen Auswirkungen» Wissenschaft und Technologie hätten. Natürlich sei diese Frage relevant, «aber man tut so, als könnte man sie hinreichend gut beantworten, ohne die Verfasstheit der Wissenschaften selbst zu kennen». Er denke, «dass man mit dieser halbierten Fragestellung nicht allzu weit kommt.»

Ueli Mäder hält Wissenschaftsforschung für «unabdingbar»

An der Universität Basel bedauert Soziologieprofessor Ueli Mäder die Streichung der Professur von Sabine Maasen. Er hält für die Uni Basel eine Wissenschaftsforschung für «unabdingbar, die wirklich die Selbstreflexion fördert, gerade im Kontext des raschen technologischen und sozialen Wandels». Künftig würden wichtige Fragen – «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?» – in Basel weniger erforscht.

Laut Mäder gibt es in der Philosophisch-Historischen Fakultät «immerhin eine (kleine) Debatte darüber, wie sich dieses wichtige Anliegen wieder stärker aufnehmen liesse». Und er ergänzt, seine Fakultät habe die «zu begrüssende» Politikwissenschaft ursprünglich über zusätzliche Mittel aufbauen wollen. Nicht auf Kosten eines bestehenden Angebotes.

Parlamente überlesen Streichkonzert an der Uni

Mitte Dezember 2013 genehmigten die Parlamente von Basel-Stadt und Baselland rund 1,2 Milliarden Franken, die in den kommenden vier Jahren an die Universität Basel fliessen. Im entsprechenden Ratschlag des baselstädtischen Regierungsrates und wortgleich in der Vorlage an den Landrat war an mehreren Stellen davon die Rede, dass die Uni mehrere Professuren sowohl streichen als auch umdefinieren werde. Fünf Millionen Franken würden so eingespart und neun Millionen Franken umgelagert. Welche Bereich davon konkret betroffen sein würden, führte weder die baselstädtische noch die basellandschaftliche Vorlage aus.

Weder in Basel noch in Liestal stellte im Parlament jemand die Frage, was denn an der Universität gestrichen und umgelagert werde. Es interessierte nicht, wer an der Uni, der man gerade 1,2 Milliarden Franken an Staatsbeiträgen bewilligte und der man eine Erhöhung der Studiengebühren um über 20 Prozent aufnötigte, zu den forschungspolitischen Verlieren gehören wird, geschweige denn, warum.

Unangekündigte Streichung ein «Affront» gegenüber der Politik

Schirmherrin über den Universitätsvertrag zwischen Basel-Stadt und Baselland ist die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK). Das oberste Organ der Universität Basel, der Universitätsrat, präsidiert von Ulrich Vischer, ist laut Universitätsvertrag verpflichtet, die IGPK «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten».

IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll», wie er sagt. Müller-Walz hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Land- und Grossrat, dass darüber nicht informiert wurde». Bei der Wissenschaftsforschung gehe es «zentral um die kritische Begleitung der Modeausrichtung Life Sciences».

Gefragt danach, wie er die Abschaffung dieses Forschungszweiges an der Uni Basel inhaltlich bewerte, gibt IGPK-Mitglied Müller-Walz zu Protokoll: «Die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung muss für die Universität zentral sein und auch in Zukunft bleiben, sonst ist die Gefahr einer unkontrollierten Verselbständigung der Forschung real. Die IGPK ist gefordert.»