Erlenmatt-Nord: Und ewig rauscht die Autobahn

Es braucht einen baulichen Sondereffort, um die Lärmgrenzwerte am Nordende der Erlenmatt einzuhalten. Die Rampen der Nordtangente bekommen demnächst rund 700 Meter lange Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

(in redigierter Fassung am 12.6.2014 in der online-TagesWoche)

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt, in den exponierteren unter den 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft «Patrimonium» auf das nördlichste Baufeld (G) stellt, wird das schwierig. Er ist auf drei Seiten umgeben von Autobahn, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen.

Laut Messtelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen, unmittelbar beim Tunneleingang, wo die Autobahn unter den Riehenring taucht, verkehren darauf, beide Richtungen zusammengezählt, 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: Steigend!

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Planungswerte nicht eingehalten

Berechnungen des Ingenieurbüros «Gartenmann Engineering», 2012 angestellt im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE), zeigen, dass auch mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen, die so genannten «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt der so genannten «Empfindlichkeitsstufe III» zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60dB laut sein, in der Nacht 50dB. Diese Werte gelten bei jenem Fenster, das zur Belüftung der Räume dient. Die theoretischen Berechnungen von Gartenmann kommen an den Nordenden der teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häuser aber, trotz Lärmschutzwänden, auf Werte zwischen 67,9 dB und 57,3 dB am Tag und 61,9 dB und 50,4 dB in der Nacht. Insbesondere nachts werden die ankommenden Autobahngeräusche ergo noch zu laut sein.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste Bauherrin «Patrimonium» reagieren. Laut AUE «wird vorgesehen, dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung mag ja ganz nett sein. Wenn sie in einer heissen Sommernacht aber geschlossen bleiben muss, weil’s sonst zu laut ist im Schlafzimmer, vergrault einem das die Freude daran. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai dieses Jahres Leiter des Amts für Umwelt und Energie, widerspricht. Die Loggiafenster dürfen auch offen sein, sodass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Der Lärm von der Autobahn her wird also wohl, trotz Loggia, in so manchem Schlafzimmer des «Patrimonium»-Blocks zu hören sein, allerdings mit einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen, denn der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Die Überbauung von «Patrimonium» auf Baufeld G wird aus zwei länglichen, zum Riehenring parallelen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel, auf der Seite des Riehenrings, erhält 8 Geschosse und ist damit höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Ausser in dessen Parterre ergeben dort die Berechnungen von Gartenmann für alle Etagen über dem «Planungswert» liegende Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden.

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände, entlang der rechten Spur der Autobahnrampen, gehen zu Lasten der «Bautrag Infrastructure AG» in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin «Vivico». Im städtebaulichen Rahmenvertrag, den 2002 die damalige Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton Basel-Stadt mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin «Vivico Real Estate» unterzeichnet hatte, ist auf Seite 4 festgehalten, dass die «Finanzierung des Schallschutzes» «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» von den Grundeigentümerinnen, resp. deren Nachfolgerinnen, getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Der Baubeginn ist, laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, führt der Tunnel der «Herzstück» genannten Zugsverbindung zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB in der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung genau unter Baufeld G hindurch. Ob also dereinst das dumpfe Rumpeln der Züge, à la Elsässerbahn unter der Strassbugerallee, im Block der «Patrimonium» periodisch den andauernden Autobahnlärm ergänzt, wird davon abhängen, ob dieses Milliardenprojekt realisiert wird.

Erlenmatt: A la recherche des chances perdues et prises

2013 ist wahrscheinlich der letzte Sommer, in dem die Erlenmatt noch Reste von Off-Location-Charme, In-Place-Groove und Freiraum-Appeal besitzt. Die Bagger graben gerade den Westteil um. Bis in ein paar Jahren ist das ehemalige Bahn- und Industriegelände domestiziert.

Erlenmatt Luftaufnahme

Das eiskalte Kalkül der Berner «Bricks Immobilien AG» ist aufgegangen. Im Sommer 2010 investierte sie in 22’640 Quadratmeter beim Riehenring. Den Boden kaufte sie von der deutschen «Vivico», die seit ihrem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007 eine Tochterfirma der österreichischen Immobiliengesellschaft «CA Immo» ist. Jetzt nehmen ihr Pensionskassen, Versicherungen und Immobilienfonds das Land ab, um drauf zu bauen. Die Rendite in den nur drei Jahren: Der Sechser im Immobilien-Lotto für die Aktionäre der «Bricks». So geht das!

Die neuen Herren von «Erlenmatt West» heissen – laut Bauverantwortlichen vor Ort – Securitas Pensionskasse, «Edifondo» (PK Losinger-Marazzi), Berner Gebäudeversicherung, Vaudoise Versicherung, Next Immobilien, Helvetic Trust, Credit Suisse Immobilienfonds und «Patrimonium» Anlagestiftung. In ihren Taschen landen künftig die Mieteinnahmen. Gemeinsam investieren sie rund 240 Millionen Franken in Land und neue Häuser. 574 Wohneinheiten baut «Losinger-Marazzi» bis Ende 2015. 48 stehen für 650’000.- bis 930’000.- unter dem Label «Erlengrün» zum Verkauf im Stockwerkeigentum. Das Seniorenheim, unmittelbar nördlich der «Swiss International School», erhält 119 Zimmer. Geführt wird es von «Senevita», die ihre Firmenadresse in Muri bei Bern teilt mit «Bricks». Die Lärmschutzwand in der Kurve der Nordtangentenrampe kommt – vielleicht – 2014.

Städtebaulicher Rahmenvertrag

Ende 2002 unterschrieb Regierungsrätin und Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton mit den damaligen Grundeigentümerinnen, der Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn und der Vivico Real Estate, bis 2007 Tochterfirma der DB, den «Städtebaulichen Rahmenvertrag».

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Das Dokument, ein wichtiger Meilenstein, hält der Kanton bis heute unter Verschluss. Begründung: «Bricks», Rechtsnachfolgerin von «Vivico», sei gegen die Publikation. Nur ein kleiner Personenkreis kennt seinen Inhalt. Der Vertrag schreibt fest, was die städtplanerischen Wettbewerbe und öffentlichen Diskussionen in den Jahren vor 2002 für die Erlenmatt als Resultate ergeben hatten. Damit setzte er die Leitplanken für alle späteren Entwicklungen (Umzonung 2004, Bebauungsplan 2004, Regierungsratschläge, Volksabstimmung 2005 etc. pp.).

«Wenn ich heute über die Erlenmatt spaziere», sinniert der Geograph Martin Sandtner, seit 2009 Leiter des baselstädtischen Planungsamtes, «erlebe ich ein neues Stück Stadt, mit einem grossen Park, Spielmöglichkeiten für Kinder und einem bereits seit 2009 bezogenen Neubau mit 239 Wohnungen.» Er sehe «ein Stück Stadt, in dem sich bereits heute gut leben lässt, in dem aber auch viel Dynamik spürbar ist».

Irène Meier (Name geändert) wohnt in einer der 239 Wohnungen im «Erlentor» der «Publica» (Pensionskasse des Bundes). Sie bezahlt knapp über 1’000.- für ihre 2 ½-Zimmer auf 53 Quadratmetern. Die Verwaltung («Privera») schrieb ihr in den Vertrag, Baulärm sei kein Grund für eine Mietzinsreduktion.

Erlenmatt

Wie lange die Bagger unterwegs sind, weiss Irène nicht, darüber hat die «Privera» sie nicht informiert. «In letzter Zeit war es recht staubig wegen der Bauerei», erzählt sie. Mit dem Stichwort kommt Wind auf, langgezogene, ockerfarbene Wolken ziehen über das Areal. «Manchmal legen die Bagger schon frühmorgens los.» Trotzdem lebt Irène gerne hier, auf Basels grösster Baustelle, sagt sie vor ihrer Haustüre.

Drei weibliche «FaBe» (Fachpersonen Betreuung) spazieren im Schneckentempo vorbei, neun ihnen anvertrauten Dreikäsehochs im Schlepptau. Die Kinder tragen alle merkwürdige Gstältli. An den Gstältli hängen Leinen. Die Leinen enden in den fürsorgelichen Händen der «FaBe»s. Kein schöner Anblick. Hunde dürfen frei rumrennen auf der Erlenmatt, diese Kinder nicht.

Das Krippengeschäft laufe sehr gut im «Erlentor», ist von Betreuenden zu hören. Novartis, Roche und Syngenta halten den Tagesheimen Kundschaft zu. Die Novartis hat im «Erlentor» gleich 40 möblierte Wohnungen gemietet für Expats. Die sind froh, wenn sie ihren Nachwuchs ganz nahe unterbringen können.

Krokodilstränen

«Lediglich bezüglich Wohnungsmix hätten wir uns seitens Kanton mehr grosse, familientaugliche Wohnungen gewünscht», urteilt Planungsamtchef Sandtner heute über die Blocks, an denen «Losinger-Marazzi» jetzt baut. Krokodilstränen? Verwaltung, Regierung und Parlament hatten es über viele Jahre in der Hand, genau das verbindlich zu fordern. Sie unterliessen es aber bereits 2004, im Bebauungsplan für die Erlenmatt entsprechende Vorgaben zu formulieren. Dort steht nichts zum «Wohnungsmix».

Der Bebauungsplan trat in Kraft, als im Februar 2005 das von rechtsbürgerlichen Kreisen lancierte Referendum gegen den Umzongungs-Ratschlag scheiterte. Die Abstimmungsunterlagen der Regierung versprachen ein «zeitgemässes Wohnungsangebot», «insbesondere für Familien ideal». Eine wasserdichte Grundlage für das Versprechen existierte nie.

Luc Saner, ehemaliger FDP-Grossrat und 2004 Mitglied im Referendumskomitee «gegen die ‘Ghettoisierung’ der Erlenmatt», rechnete damals in der BaZ vor, es würde den Kanton nur rund 15 Millionen kosten, das ganze Areal zu kaufen. Alt-Regierungsrat Karl Schnyder (DSP), Luc Saner, Angelika Zanolari (SVP) und ihresgleichen träumten von einem grossen See, samt Sandstrand, und Einfamilienhäuschen, da wo jetzt die Wohnblocks aus dem Boden wachsen. Ihr Schlachtruf: «Eine Seele für Basel!».

Beat Jans auf der anderen Seite, damals Präsident der SP-Basel-Stadt, heute SP-Nationalrat, sekundierte seiner Genossin, Baudirektorin Barbara Schneider. Er behauptete am 31. Januar 2005 in der BaZ, der Kanton müsse bei Annahme des Referendums abschreckende 300 Millionen investieren, um das Areal zu übernehmen. Das Referendum scheiterte, Team «Schneider / Jans» gewann. Der Erlenmatt-Zug fuhr weiter, wie im «Städtebaulichen Rahmenvertrag» vorgezeichnet: Die Filetstücke für den Hausbau gehen in grossen, teuren Einheiten an kapitalkräftige Investoren, darunter heute «Bricks Immobilien AG» und Stiftung «Habitat». Der Kanton hübscht ihnen mit öffentlichen Geldern das Umfeld auf, zahlt für Grünflächen, Strassen, Plätze und Schulhaus.

Kostenüberschreitung

Zwei Jahre nach der Abstimmung schrieben Patrick Marcolli und Christian Mensch 2007 in der BaZ: «Das neue Stadtquartier kostet die Stadt Basel deutlich mehr als geplant.» Zu verantworten habe das «zu einem rechten Teil das Baudepartement». Statt des Nullsummenspiels aus 60 Millionen Einnahmen im Mehrwertfonds und gleich hohen Ausgaben für Landkauf und Umgestaltung, muss der Kanton schon damals 20 Millionen drauflegen. Ihre Fehlkalkulation brachte Schneider Mitte Oktober 2007 Schelte im Grossen Rat ein. Die Zusatzmillionen gewährte er ihr trotzdem.

Inzwischen gibt Schneiders Nachfolger, Hans-Peter Wessels, unumwunden zu, ein «zentrales Problem» der Erlenmatt sei, «dass der Kanton den Boden nicht gekauft hat». In der «Schweiz am Sonntag» vom 28.4.2013 erklärt er, das habe «zu einem komplizierten Dreiecksverhältnis zwischen dem Entwickler, den privaten Investoren und dem Kanton» geführt. Wie in jedem Dreiecksverhältnis, blieb auch hier einer auf der Strecke: «Das Erlenmatt-Areal wurde von einer Firma übernommen, welche die Arealentwicklung selbst in die Hand genommen hat.» Er kann nur «Bricks» meinen. UPDATE: Das war eine Fehlinterpretation meinerseits, Pardon. Er meint die „Vivico“, wie er mir mitteilte.

Die Berner Firma «Bricks Immobilien AG» kaufte 2011, zusätzlich zu den 22’640 Quadratmetern Erlenmatt, die sie schon besass, die Parzellen 3136, 3148 und 2149 von «Vivico», Tochterfirma des österreichischen Immobilienkonzerns «CA Immo» seit dem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007. Das waren zusammen nochmals rund 38’000 Quadratmeter. Als der Regierungsrat am 20. Dezember 2012 verkündete, das Projekt «Twix» habe den Architekturwettbewerb um das Primarschulhaus gewonnen, gehörte der Boden, auf dem es zu stehen kommen sollte, Parzelle 3136, nicht «Immobilien Basel-Stadt» (IBS).

Erlenmatt

Hinter den Kulissen rang der Kanton bis Anfang 2013 mit «Bricks» um die Schulhausparzelle. Der Konflikt eskalierte. «Verkauf Grundstück durch Bricks Immobilien an IBS könnte zu einem Enteignungsverfahren führen», notierten Kantonsangestellte in ihren Protokollen. Schliesslich lenkte «Bricks» aber doch noch ein und trat den Boden an IBS ab, zum Quadratmeterpreis, wie er im Rahmenvertrag festgelegt ist: Fr. 120.-, plus Teuerung seit 2002.

Und dann wär da noch das seit Jahren versprochene Einkaufszentrum Ecke Erlenstrasse / Schwarzwaldallee.

Erlenmatt

Mit jedem Nachhaken bei der Firma «Multi Development», wandert dessen Baubeginn nach hinten. Vor wenigen Tagen schrieb die Pressesprecherin von «Multi»: «Wir gehen davon aus, mit dem Bau der Erlenmatt Galerie Ende des Jahres 2013 beginnen zu können.» Im April, vor drei Monaten, lag der auf dieselbe Frage genannte Termin noch drei Monate früher: «Darüber hinaus halten wir weiterhin an unseren Planungen fest im Herbst 2013 mit dem Bau der Erlenmatt Galerie zu beginnen.»

So soll das Einkaufzentrum auf der Erlenmatt aussehen

Dass die Regierung sich mit dem Rahmenvertrag in entscheidenden Punkten selbst entmachtet hatte, schien erneut durch im September 2012, in ihrer Antwort auf eine Interpellation von Urs Müller (Grünes Bündnis). Er hatte wissen wollen, wie sie es halte mit ihrem Versprechen von 2005, auf der Erlenmatt würde ein «zeitgemässes Wohnungsangebot, insbesondere für Familien» entstehen. Schnippisch schrieb die Regierung zurück, es sei 2004 im Ratschlag für die Umzonung der Erlenmatt nirgends eine Mindestzahl für 4-Zimmer-Wohnungen definiert worden. Der «Wohnungsmix» werde «von den Investoren unter Berücksichtigung der Marktsituation definiert». Ausgedeutscht: «Bricks» und Konsorten sagen, wo’s lang geht. Familienwohnungen? Danach solle man bei der «Stiftung Habitat» suchen: «Bei der Überbauung der Stiftung Habitat geht der Regierungsrat davon aus, dass die Stiftung Wert darauf legt, dass ein grosser Anteil an Familienwohnungen erstellt wird.»

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Bei «Habitat» wird tatsächlich anders geplant, als bei «Bricks» und Konsorten. Patrizipativer, kleinteiliger, nicht profitorientiert, wie ihrer Website «Erlenmatt Ost» zu entnehmen ist. Die Stiftung steht in Gesprächen mit verschiedenen Wohnbaugenossenschaften. Ein Haus für Studierende, samt öffentlicher Schwimmhalle im Tiefparterre ist in Planung. Ihren Boden verkauft die Stiftung nicht weiter, sondern gibt ihn im Baurecht ab. Das klingt sympathisch und liegt im freien Ermessen der Stiftung. Zu sagen hat die Regierung dazu, wie auch zum ganz anderen Vorgehen der «Bricks», nur noch sehr wenig.

Barbetriebe

Die provisorische open-air-Bar «Sommerresidenz» im Nordteil der Erlenmatt, nutzt Habitat-Boden, temporär. Wirt Jonas sitzt an der Theke. Er macht den DJ an iPhone und Macbook. Demnächst treffe er Stiftungsvertreter, um zu besprechen, wie’s nächstes Jahr weitergeht, erzählt er nebenher. Er rechnet sich gute Chancen aus, auch 2014, seinem vierten Jahr auf der Erlenmatt, Gäste empfangen zu können.

Wirtin Céciles «Sonnendeck» gegenüber liegt auf «Bricks»-Boden. Sie sieht schwarz für 2014. Allerdings sah sie das schon 2012 für 2013, gesteht sie schmunzelnd an ihrer Theke. Der Kontaktmann bei «Bricks» sei im Grunde recht umgänglich. Nur als sie letztes Jahr die Bar-Infrastruktur nach der Saison nicht abgerissen hätten, obwohl er es angeordnet habe, da sei er grantig geworden. Trotzdem habe er ihnen für 2013 grünes Licht gegeben, allerdings mit dem Zusatz «zum letzten Mal».

Der Barbesucher neben Cécile zeigt auf das kleine Backsteinhaus hinter der «Bahnkantine» (ehem. «Erlkönig»). «Die müssen definitiv Ende September 2013 raus», erklärt er. Wo jetzt noch die Samtvorhänge des «CIRQUITvulcanelli» hängen, fahren im Oktober die Bagger auf und machen alles platt. Die Lastwagen von «Losinger-Marazzi» brauchen Zugang auf die Baufelder von Norden her.

Kay, Wirt und Mieter der «Bahnkantine», hat’s da besser. Boden und Haus gehören dem Kanton. Der liess Gebäudehülle und Elektroinstallation sanieren. Kay investierte in Küche und Inneneinrichtung. Seit September 2012 läuft sein Geschäft ganz passabel, erklärt Kays Mutter, die grad Pflanzen eintopft rund um’s Haus. Ab 9 Uhr morgens sei offen. Bauarbeiter, Geschäftsleute und Anwohner fänden problemlos den Weg. Sie freut sich schon auf die 400 Kinder des Bläsischulhauses. Die Rasselbande wird nach den Sommerferien ihr Schulhausprovisorium schräg vis-à-vis der Bahnkantine bevölkern für – mindestens – ein Jahr. Kays Mutter schaut auf von der Gartenarbeit, streicht sich mit ihren schwarzen Händen die Haare aus dem Gesicht. «Ich geniesse die freie Sicht über das Gelände!», sagt sie und blickt nach Süden, Richtung «Bricks»-Baufelder. «Ich sehe fast bis nach Hause!» Dann schweigt sie. Und nur noch Vogelgezwischer und Autobahnlärm sind zu hören, beide gleich laut.

Klaus Anton, seit 1998 (!) Mitglied der «Begleitgruppe» zum Erlenmattprojekt, wartet beim hölzernen Kletterturm des Spielplatzes, mitten auf dem Areal. Grossrat Urs Müller stösst dazu. Bei der «Bahnkantine» unter den Sonnenschirmen gibt’s Cappuccinos. Klaus Anton und Antoinette Voellmy, ebenfalls langjähriges Begleitgruppenmitglied und Quartierbewohnerin, hatten Einsprachen eingelegt gegen das Baugesuch für die «Bricks»-Areale. Sie störten sich an den fehlenden Familienwohnungen und der Inexistenz eines ökologischen Konzepts im Sinne der 2’000 Watt Gesellschaft. Nach neun Monaten Funkstille erhielten sie aus dem Bauinspektorat Bescheid: Sie seien nicht einspracheberechtigt, an Oettlinger- und Efringerstrasse wohnten sie zu weit weg.

Der kürzlich preisgekrönte Park gefällt Klaus Anton gut. Aber dass beim bestehenden «Erlentor», und den kommenden Blocks auf «Bricks»-Boden, mit ca. 10’000 Quadratmetern Dachfläche, naheliegende Dinge wie Solarpanels für Strom- oder Wärmegewinnung oder eine Regenwassersammelanlage fehlen, findet er nicht nachvollziehbar.

Drei Ratschläge

Aus seiner langjährigen Erfahrung mit dem Erlenmatt-Prozess gibt er jenen, die sich bei anderen Entwicklungsgebieten – Stichwort: Hafen – engagieren, drei Ratschläge mit auf den Weg. «Der Kanton muss den Boden besitzen, um den es geht. Abmachungen zwischen Bevölkerung, Politik, Kanton und Investoren müssen präzise formuliert und transparent kommunziert werden. Und die Engagierten müssen am Ball bleiben können. Sonst geraten sie gegen die Profis aus Politik, Verwaltung und Investorenkreisen immer ins Hintertreffen.» Grossrat Urs Müller nickt zustimmend.

Die Zeit vergeht, es wird Abend auf dem Erlenmatt-Areal. Und dann plötzlich, über der Wiese des preisgekrönten Parks, aus dem Nichts aufgetaucht: abertausende Maikäfer. Teenager, die eben erst noch im Kreis auf dem Gras sassen und quatschten, springen auf, wie von der Tarantel gestochen. Die Mädchen rennen kreischend davon, die Jungs reissen sich das T-Shirt vom Leib, versuchen die Brummer damit zu erschlagen. „Die stäche, Mann!“ ruft einer tatsachenwidrig. Ist 2013 ein Flugjahr? Maikäfer, mitten in der Stadt! Ihr tiefes Brummen erfüllt die Luft. Sie fliegen torkelnd über die Wiese und durch die Büsche.

Die Katze hinter dem Balkongitter im zweiten Stock des «Erlentor» fixiert ein älteres Paar auf der Strasse. Die zwei machen ihren Abenspaziergang, beide am Rollator. Gemächlichen Schrittes gehen sie an einem jungen Pärchen vorbei, das auf einem Betonklotz sitzt. Sie ist schwanger. Auf dem Betonklotz nebenan sitzt ein anderes Pärchen. Sie ist noch nicht schwanger. Ein Grossvater schiebt einen Babywagen aus einem Erlentor-Hauseingang, darin seine bezaubernde Enkelin. Er hebt sie hoch, flüstert ihr etwas ins Ohr, und senkt sie wieder in das Gefährt. Fledermäuse huschen im Zickzack über den Abendhimmel. Mauersegler pfeilen vorbei und ziehen ihren langen, hohen Schrei hinter sich her. Im Westen leuchtet das Logo der Senf-Fabrik. Davor ragt der Abgaskamin der Autobahn nutzlos ins glühende Abendrot.