Welche Wissenschaft wollen wir?

Die Universität Basel schafft den Bereich Wissenschaftsforschung ab. Ein kurzsichtiger Entscheid.

(für TagesWoche Printausgabe vom 10.1.2014)

Sie geht ohne Groll, Sabine Maasen, nur noch bis Ende Januar Professorin für Wissenschaftsforschung und -soziologie an der Uni Basel. Sie schaut nach vorne. Ihr «Programm für Wissenschaftsforschung», unterwegs seit Anfang der 2000er-Jahre, wird abgewickelt. Seine Projekte am Rheinknie laufen aus. Die Mitarbeitenden, die meisten mit befristeten Verträgen, müssen weiterziehen.

Die Wissenschaftsforschung in Basel analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und beobachtete die Risikodiskussion rund um die Nanotechnologie.

In München baut Maasen ab Frühling 2014 an der Technischen Universität ein mit mehreren Millionen Euro dotiertes Zentrum zur Erforschung der wechselseitigen Beeinflussung von Gesellschaft und Wissenschaft auf, das Munich Center for Technology in Society. Für Maasen ist es ein Karriereschritt, für Basel ein doppelter Verlust.

Ungewöhnliches Vorgehen

Nicht nur verliert die Uni eine ­pro­filierte Wissenschaftlerin. Auch ihr Lehrstuhl wird nicht wieder­besetzt, sondern «aus finanziellen Gründen neu ausgerichtet». So formuliert es Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen ­Fakultät.

Die Mittel der Wissenschafts­forschung verschiebt die Uni in die Politologie, dort zugunsten ­einer zweiten Professur. Die zuständigen Gremien der Universität fassten den Beschluss im Frühling 2013, als intern bekannt wurde, dass ­Maasen nach München wechseln würde.

Dass Hochschulen bei Abgängen die Budgetzuteilung unter die Lupe nehmen, ist courant normal. Dass ein Forschungsfeld bei der Gelegenheit aber gleich ganz gestrichen wird, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der Wissenschaftsforschung in Basel war es eine Abschaffung mit Ansage.

Als der Universitätsrat im Herbst 2012 den Trägerkantonen Basel-Stadt und Baselland unterbreitete, was die Uni an Geldern brauche, um ihre auf sechs Schwerpunkten fus­sende, seit 2011 entwickelte «Strategie 2014» voll umzusetzen, kam er bis 2017 auf einen Mehrbedarf von 55 Millionen Franken pro Jahr. Das fand selbst er «nicht realistisch», wie es im Antrag heisst, und drückte den Betrag von sich aus auf 20 bis 30 Millionen. Als ein Mittel dazu stellte er in Aussicht, bis 2017 gut 15 Millionen Franken einzusparen «durch Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren». Also mittels Stellenabbau und -umlagerung.

Feilschen ums Geld

Das reichte den Regierungen in Liestal und Basel aber nicht, und sie kürzten der Universität die beantragten Beitragserhöhungen «deutlich», wie sie in ihrem Beschluss vom 27. August 2013 schreiben. Die Uni wünschte, dass von 2014 bis 2017 die Kantonsbeiträge von 324 auf 356 Millionen Franken pro Jahr steigen sollen. Davon liessen die Regierungen ein Wachstum von 321 auf 329,5 Millionen übrig. Dieses reduzierte Wachstum der Uni bis 2017 segneten die Parlamente in Basel und Liestal Mitte Dezember ab.

In dieses Feilschen zwischen Universität und Regierungen um die Beitragserhöhungen hinein erhielt Sabine Maasen das Angebot aus München. Den uniinternen Entscheidern, wohl ahnend, dass ihre finanziellen Begehrlichkeiten nicht im gewünschten Masse befriedigt würden, kam dies offenbar gelegen. Sie exerzierten durch, was sie in ihrem Antrag mit «Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren» gemeint hatten. Das bedeutete das Aus für die Selbstreflexion der Wissenschaft an der Universität Basel.

Kein Interesse für Ab- und Umbaupläne der Uni

Der Entscheid fiel faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar ist der Universitätsrat verpflichtet, das Organ der Oberaufsicht über den Universitätsvertrag zwischen Baselland und Basel-Stadt, die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK), «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten». Aber IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis davon, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll». Er hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Landrat und im Grossen Rat, dass darüber nicht informiert wurde». Und er fordert, die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung müsse für die Universität «zentral sein und auch in Zukunft bleiben», sonst sei «die Gefahr einer unkontrollierten Verselbstständigung der Forschung real».

Der «Fall Wissenschaftsforschung» ist der erste, der öffentlich wurde. Weitere «Umlagerungen» werden wohl folgen. Zwar wissen die Parlamente in Basel und Liestal, dass Professuren gestrichen würden, seit ihre Mitglieder den regierungsrätlichen Ratschlag zur Uni-Finanzierung Ende August 2013 auf den Tisch bekamen. Aber weder in Basel noch in Liestal erhob sich ­bisher eine parlamentarische Stimme und verlangte Auskunft über die konkreten Ab- und Umbaupläne an der Universität. Dass davon die Hätschelkinder des von Pharma- und Industrieinteressen dominierten Universitätsrats, die Life Sciences, ausgenommen sein werden, ist so ­sicher wie das Amen in der Kirche.

Dabei wären gerade vor diesem Hintergrund jene Fragen zu diskutieren, über die Ueli Mäder, Sozio­logieprofessor an der Uni Basel, sagt, sie würden nach der Streichung der Professur von Sabine Maasen hier weniger erforscht: «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?»

Das Millionenmolekül GMI-1070

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst
„GMI-1070“ als Drahtmodell auf dem Bürotisch von Beat Ernst.

An der Universität Basel hat der Chemiker Beat Ernst mit der Partnerfirma Glycomimetics in den USA einen Wirkstoff entwickelt, der hunderttausenden Patienten mit einer so genannten „Sichelzellenanämie“ Hoffnung macht auf Linderung ihrer Leiden. GMI-1070 hat darüber hinaus das Potenzial zu noch viel weitergehenden Anwendungen. Der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer erwarb unlängst für insgesamt 340 Millionen Dollar das Recht, die Substanz bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Diese lukrative Zusammenarbeit von Hochschule und Konzern ist ein Lehrstück über Patente, Lizenzen und Geheimverträge. Sie zeigt exemplarisch Chancen und Risiken solcher Kooperationen.
Links: Paper über Wirkung von GMI-1070 im Tierversuch; Communiqué der Uni Basel; Communiqué GlycoMimetics; Beat Ernst.

Ganz leicht gekürzt heute gesendet in „Kontext“ auf DRS2.

Und hier, vorhin grad entdeckt, ein PR-Videointerview mit Rachel King, CEO der Uni-Partnerfirma GlycoMimetics, publiziert vom Standortmarketing des US-Bundesstaates Maryland:

Patent auf GMI-1070: Aussage Uni vs. BaZ-Artikel

BaZ am 27.5.2011:

(…) im besten Fall hat das Abkommen ein mögliches Volumen von 340 Millionen Dollar. Wird GMI-1070 als Medikament zugelassen, werden Lizenzgebühren fällig. Das Schöne am Ganzen: Die Universität Basel profitiert. Im Erfolgsfall mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Denn was Beat Ernst und sein Team da entwickelt haben, ist als Erfindung der Basler Universität patentiert. Man halte die Daumen für die Sichelzellpatienten – und Basel: Es könnte der bisher grösste Reibach für die Uni aus einem Projekt werden.

Screenshot:

Uni Basel heute auf meine Anfrage:

Wie kommt es, dass die Firma Glycomimetics bei diesen drei nach 2004 beantragten und erteilten Patenten, bei denen u.a. Beat Ernst, Angestellter der Universität Basel, als Erfinder fungiert, als Inhaberin genannt wird, und nicht die Universität Basel?

In diesem Fall entstanden die Patentanmeldungen aus einer langjährigen Forschungskooperation der Universität Basel mit der Firma. Der Kooperationsvertrag sieht vor, dass allfällige Patente von der Firma in eigenem Namen angemeldet werden können. Die Universitäten melden Patente nicht zum Selbstzweck an, sondern um eine spätere Umsetzung in neue Produkte zu ermöglichen. Wenn wie in diesem Fall ein Firmenpartner bereits involviert ist, ist es je nach Situation möglich, dass man dem Partner die Möglichkeit zugesteht, Patente in eigenem Namen anzumelden. In der Mehrzahl der Fälle werden Patente jedoch auf den Namen der Universität angemeldet (insbesondere dann, wenn noch kein Firmenpartner involviert ist) und die Universität vergibt dann die Nutzungsrechte an eine Firma in Form einer Lizenz.

Können Sie mir bestätigen, dass die Universität Basel offenbar mindestens in diesen drei Fällen aktiv auf die ihr gemäss oben genannter Ordnung zustehenden Rechte an den von Beat Ernst getätigten Erfindungen verzichtet?

Ja, in diesen Fällen hat die Universität Basel die Eigentumsrechte an den Patentanmeldungen vertraglich an den Partner abgetreten.

Welche Überlegungen bewogen die Universität Basel dazu, auf die Möglichkeit, am kommerziellen Erfolg einer Erfindung, die einer ihrer Angestellten getätigt hat, zu verzichten?

Dass eine Patentanmeldung im Namen des Firmenpartners erfolgt, bedeutet nicht, dass die Universität auf einen angemessenen Anteil an einem späteren kommerziellen Erfolg der Technologie verzichtet. Auch im vorliegenden Fall der Kooperation mit der Firma Glycomimetics wird die Universität Basel an einem allfälligen kommerziellen Erfolg beteiligt sein.

Fazit: Anders als die BaZ (merkwürdigerweise grad 2 Tage nach meinem Posting zu dem Thema; Zufälle gibt’s…!) schreibt, liegt das Patent an dem möglichen Wirkstoff gegen Sichelzellenanämie bei Glycomimetics und NICHT bei der Uni Basel. Über die Motive dafür und die Folgen daraus wird noch zu reden sein.

Wie die Unis Basel, Bern und Zürich mit Roche „Partnerschaftsvereinbarungen“ schliessen

Ende vergangene Woche stellte die Wissens- und Technologietransferstelle der Unis Basel, Bern und Zürich, unitectra, die Ausschreibung einer „EIN-Programm“ genannten „Partnerschaft“ mit Roche online. Es werden darin Forschende aufgerufen, sich um Roche-Gelder für ihre Arbeit zu bewerben. Gesucht sind Projekte in Bereichen, die für Roche „of general strategic interests“ sind, darunter „Oncology, Inflammation, Metabolism, CNS, Virology, Drug delivery, and Bioinformatics (Therapeutics or Diagnostics)“. Roche beteiligt sich mit 25%, bis maximal 50%, an den ausgewählten Projekten, die über ein Jahresbudget von nicht mehr als 250’000.- verfügen sollten. Was Roche sich für die maximal 125’000.- pro Jahr pro gefördertem Projekt herausbedingt, steht in den FAQ:

3. (…) The required co-funds must come from the regular university budgets of a PI or from other sources, such as foundations, CTI feasibility grants etc. Please note that results should be unencumbered by any rights of such co-funding sources, i.e. available for first-right of negotiation by Roche. (…)

10. Are there constraints regarding publication of the research?
The publication of project results is encouraged and guaranteed. As usual in collaborative agreements with industry, Roche has the right to review any publications prior to submission and to ask for a delay of publication (max. 90 days) in order to file for patent protection of interesting results.

11. What other constraints apply?
General contractual terms, such as confidentiality, termination rights, liability etc. are set forth in the umbrella agreement and in accordance with common academic standards. Roche has a “first right of negotiation”. This means that inventions and discoveries arising out of a funded project must first be offered to Roche for commercial licensing, and Roche is entitled to negotiate such a license at fair market terms. If Roche is not interested in this option, or if no agreement can be reached within a certain time regarding the license terms, the discoveries or inventions can be offered to third parties.

Wer immer den übrigen Anteil der Forschung bezahlt (50%-75%), darf keine Ansprüche auf die Resultate erheben. Roche hingegen darf Paper, die aus von ihr geförderten Projekten hervorgehen, „reviewen“ noch bevor die Arbeiten zur Veröffentlichung eingereicht werden („to review“ kann „gegenlesen“ heissen, aber auch „nachbearbeiten“). Roche hat das Recht, die eigentliche Publikation um bis zu 90 Tage herauszuzögern, um Patente anzumelden auf die sie interessierenden Resultate. Roche müssen Erfindungen und Entdeckungen aus von ihr mitbezahlten Projekten als erste angeboten werden. Und das alles bedingt sich Roche heraus für Projekte, die sie an den Unis Basel, Bern und Zürich maximal zur Hälfte (konkret: à maximal 125’000.- pro Jahr) finanziert hat. Wenn darunter ein wissenschaftlicher Durchbruch sein sollte, hat der Pharmakonzern einen lächerlichen Schäppchenpreis für die Rechte daran bezahlt – ausser die Hochschulen verhandeln sehr gut in der zweiten Runde, wenn es mit Roche um die „fair market terms“ für die Lizenzen geht!

Warum unterschreiben die Univesitäten in Basel, Bern und Zürich solche Knebelverträge? Warum haben die Verantwortlichen der öffentlich finanzierten Hochschulen nicht wenigstens eine 50% Beteiligung an allfälligen Erlösen herausgehandelt? Falls sie Letzteres doch getan haben sollten, steht davon jedenfalls nichts in den bei unitectra zugänglichen Dokumenten.

UPDATE: unitectra hat mir soeben einige Fragen zum EIN-Programm beantwortet.

1. Welche Rechte haben die Universitäten noch an den Forschungsergebnissen, die sie ihrerseits mit 50-75% finanziert haben? Konkret: Enthält die „Partnerschaftsvereinbarung“ zwischen den Universitäten Basel, Bern und Zürich einerseits und Roche andererseits bereits Klauseln über die Beteiligung der Hochschulen an allfälligen kommerziellen Erfolgen, die Roche erzielt aus von ihr im Rahmen des EIN-Programms geförderten Projekten und daraus für Roche anfallenden Patenten / Lizenzen etc.?

unitectra: „Wie aus Ihrem Zitat von unserer Website ersichtlich, erhält Roche lediglich ein Erstverhandlungsrecht. Die Rechte an den Forschungsergebnissen gehören somit der jeweiligen Institution, an welcher sie entwickelt wurden. Dies gilt auch für allfällige Patentanmeldungen. Wenn Roche an der kommerziellen Nutzung von Ergebnissen aus einem Projekt interessiert ist, dann werden wir mit Roche über eine kostenplichtige Lizenz verhandeln. Viel wichtiger als der finanzielle Beitrag von Roche an allfällige Forschungsprojekte ist bei diesem Programm der Zugang zu Infrastruktur und Know-how von Roche.“

2.1. Wenn ja: Wie gross ist der Anteil der Hochschulen daran?

unitectra: „Die Konditionen bei einer Lizenz hängen vom jeweiligen Projekt ab, d.h. es gibt keine fixen Zahlungen oder Prozentsätze, da dies gar nicht möglich ist. Niemand weiss zum voraus, was für Projekte im Rahmen des Programms durchgeführt werden und was allenfalls bei den Projekten herauskommen wird. Deshalb ist es auch nicht möglich, irgendwelche Konditionen zu definieren. Wie ebenfalls in dem Zitat erwähnt, ist die jeweilige Universität frei einen anderen Partner zu suchen, sollte man sich bei den Lizenzverhandlungen mit Roche nicht einigen können.“

2.2. Wenn Nein: Warum nicht?

unitectra: „Siehe 2.1“

3. Ist unitectra beteiligt an allfälligen kommerziellen Erfolgen aus dem EIN-Programm?

unitectra: „Nein, wie bei allen Lizenzverträgen gehen Lizenzeinnahmen an die jeweilige Universität, Unitectra handelt im Auftrag der Universitäten lediglich die Verträge aus.“