„fremde“ RNA im menschlichen Blut


In unserem Blut schwimmen Moleküle aus dem Innersten von Bakterien-, Pilz-, Pflanzen- und Insektenzellen. Das besagt jedenfalls der vor 2 Wochen erschienene Artikel von Kai Wang, Hong Li, Yue Yuan, Alton Etheridge, Yong Zhou, David Huang, Paul Wilmes und David Galas im PLoS ONE:

The Complex Exogenous RNA Spectra in Human Plasma: An Interface with Human Gut Biota?
(get the .pdf-file of the article here, if PLoS ONE is still blocked for allegedly spreading malware. I may distribute it, because it’s CC-licensed this way)

Kleine RNA und microRNA heissen diese Moleküle. microRNA sind seit erst 2 Jahrzehnten überhaupt bekannte „Negative“ von sehr kurzen DNA-Abschnitten im Zellkern. Sie bilden so etwas wie eine Flaschenpost, mit der der Zellkern Befehle rausschickt in die Zelle und so auf das vielfältige Geschehen dort einwirkt. microRNA gibt’s aber nicht nur im Zellinnern. Im Laufe der letzten Jahre stellte sich raus, dass die Flaschenpost Befehle oder Botschaften sogar zwischen Zellen und auch Organen vermitteln kann (siehe auch hier und hier). Und nun haben Paul Wilmes (zu hören im Audio) und KollegInnen zudem körperfremde microRNA in unserem Blut gefunden. Laut Lehrmeinung sollte sie da eigentlich nicht sein.

Entdecken die Forschenden grad einen neuen Kommunikationskanal zwischen der belebten Umwelt und unserem Körper? Sind wir bis auf die innerste Zellebene durchlässig für die Flaschenpost aus dem Innersten körperfremder Zellen?

Wilhelm Gruissem, Pflanzenbiotechnologe an der ETH Zürich, ist sehr skeptisch und warnt vor vorschnellen Schlüssen. Hans Hirsch, Infektiologe und Mikrobiologe an der Uni Basel, meint andererseits (zu hören im Audio): «Wilmes‘ Publikation ist provokant. Wenn sich das bestätigt, könnte es neue Konzepte geben für Krankheit, für das Risiko, Krankheiten zu entwickeln. Und es könnten sich möglicherweise auch bisher für esoterisch gehaltene Formen von Gesundheits- und Krankheitsverständnis auf eine biologische und wissenschaftliche Art und Weise auflösen lassen.» Noch liegt die Betonung auf «könnte».

Am 22.12.2012 Thema im Wissenschaftsmagazin auf SRF 2 Kultur (ehem. DRS2).

(NACHTRAG: Die Uni Luxemburg verlinkt freundlicherweise hier zurück auf diese Seite. Danke!)

Boris Pasche und seine experimentelle Krebsbehandlung

Der Krebsforscher, in der Westschweiz aufgewachsen, jetzt in den USA tätig, verwendet ein 27MHz Trägersignal, das er mit vielen verschiedenen Tönen im hörbaren Spektrum nacheinander amplitudenmoduliert. Das 100 mW schwache, modulierte Sendersignal gibt er per Koaxkabel auf eine Art Löffel, die die behandelte Person einige Wochen lang, drei Mal eine Stunde täglich, in den Mund nimmt. Hier erklärt er, was er herausgefunden hat, wie er auf die Frequenzen kommt, bei wem’s wie gut wirkt, welche Zell- und Tierversuche er anstellte und ob’s kitzelt auf der Zunge, wenn man die Antenne seines Geräts in den Mund nimmt:

Die Aufnahme entstand anlässlich des knapp einwöchigen Kongresses der Stiftung IT’IS und der ETH Zürich auf dem Monte Verità vom 21. bis 26. Oktober 2012. Das ist eines der wissenschaftlichen Paper, das sich mit Pasches Methode befasst: „Treating cancer with amplitude-modulated electromagnetic fields: a potential paradigm shift, again?

So sieht’s aus auf einem von Pasches Slides:

Boris Pasche Device

Das kann’s:

Boris Pasche Conclusions 1

Da wirkt’s:

Boris Pasche Conclusions 2
P.S. Ja, das Ganze ist noch sehr experimentell. Und hat auch auf dem Monte Verità einiges Stirnrunzeln ausgelöst.

Das Millionenmolekül GMI-1070

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst
„GMI-1070“ als Drahtmodell auf dem Bürotisch von Beat Ernst.

An der Universität Basel hat der Chemiker Beat Ernst mit der Partnerfirma Glycomimetics in den USA einen Wirkstoff entwickelt, der hunderttausenden Patienten mit einer so genannten „Sichelzellenanämie“ Hoffnung macht auf Linderung ihrer Leiden. GMI-1070 hat darüber hinaus das Potenzial zu noch viel weitergehenden Anwendungen. Der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer erwarb unlängst für insgesamt 340 Millionen Dollar das Recht, die Substanz bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Diese lukrative Zusammenarbeit von Hochschule und Konzern ist ein Lehrstück über Patente, Lizenzen und Geheimverträge. Sie zeigt exemplarisch Chancen und Risiken solcher Kooperationen.
Links: Paper über Wirkung von GMI-1070 im Tierversuch; Communiqué der Uni Basel; Communiqué GlycoMimetics; Beat Ernst.

Ganz leicht gekürzt heute gesendet in „Kontext“ auf DRS2.

Und hier, vorhin grad entdeckt, ein PR-Videointerview mit Rachel King, CEO der Uni-Partnerfirma GlycoMimetics, publiziert vom Standortmarketing des US-Bundesstaates Maryland:

Ernst Fehr: „we can make people more or less norm compliant“ mit TDCS

Believe it or not, but we can make people more or less norm compliant by up- or downregulating certain neural activities in the brain,“ erzählt der Zürcher Star-Oekonom Ernst Fehr seinem Interviewer Rolf Dobelli, und fährt fort „for this particular task we use what’s called ‚transcranial direct current stimulation‘ (tdcs). So there is a light, a modest current going through the brain,“ ab Position 1min27sec:

Also da nimmt einen doch schon sehr wunder, was das für ein Wunderding sein soll, das am Kopf montiert, Leute mehr oder weniger normkonform sein lasse, je nach dem ob der Strom in die eine oder andere Richtung „durch den Kopf“ fliesse, wie Fehr sagt. Hier ist ein sich sehr wissenschaftlich gebendes Erklärvideo dazu. Und da macht einer, durchaus ernst gemeinte, Selbstversuche mit der Sache:

„Selbstversuch“, denn die Maschine, von der Fehr schwärmt und ihr „Wunderkräfte“ auf das normrelevante Verhalten seiner Probanden zuschreibt, ist letztlich nicht viel mehr als eine 9 Volt Batterie, zwei salzwassergetränkte Schwämmchen, ein paar Drähte, ein paar Widerstände. Ein Schwämmchen über dem rechten Auge. Ein Schwämmchen hinten links auf dem Kopf. Strom auf 1 bis 2 Milliampère einstellen und fertig. Zu Deutsch heisst die Sache übrigens: „transkranielle Gleichstromstimulation“.

Auf den ersten Blick sagt mir meine Intuition: 2 Elektroden auf so etwas inhomogenem wie dem Kopf, plus extrem schwache 2 mA Gleichstrom und und dann soll da durch die Schädeldecke hindurch im Gehirn ein nachhaltiger, reproduzierbarer Effekt resultieren? Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! Welche Pfade nehmen die Elektronen, wenn sie sich von der einen Elektrode lösen, in die Haut eindringen, und den Weg des geringsten Widerstandes zur anderen Elektrode suchen? Und nur wo sie durchkommen, können sie, oder ihr sie begleitendes Magnetfeld, irgend eine Wirkung entfalten. Wie viele Elektronen wie rasch unterwegs sind in der Kopfhaut und darunter, mögen andere berechnen.

Zwei, die sich schon lange und intensiv mit tdcs beschäftigen, und überzeugt sind, dass sie einen Effekt hat, sind die Göttinger Forscher Michael A. Nitsche und Walter Paulus. Sie schrieben 2007:

Da die Elektroden auf der Kopfhaut nicht direkt an der Hirnrinde anliegen, kommt es zu einer Abschwächung der intrakraniell erzielten Stromdichte. Hierbei beträgt die wirksame transkortikale Stromdichte etwa 50% der verabreichten transkraniellen Stromdichte (Rush u. Driscoll 1968). Eine Modellierung der durch die bipolare tDCS beim Menschen induzierten intrakortikalen Stromdichten zeigte, dass eine tDCS mit definierter Stromstärke (2 mA) und Verwendung von Schwammelektroden (25 cm2) kortikal eine Stromdichte in der Größenordnung von 0,1 µA/mm2 induziert (Miranda et al. 2006), was deutlich unter den induzierten Stromdichten am frei präparierten Kortex im Tierexperiment liegt. Das erzeugte elektrische Feld unter der Stimulationselektrode ist dieser Simulationsstudie nach homogen und die Feldstärke nimmt exponentiell mit der Distanz zur Elektrode ab. Dieses Modell berücksichtigte allerdings nicht die regionalen Inhomogenitäten in der Leitfähigkeit der Schädelkalotte und des Hirngewebes (Miranda et al. 2006; Rush u. Driscoll 1968). Im Bereich von Fissuren und Foramina kann es zu inhomogenen, fokal vergrößerten Feldstärken kommen. In diesen Bereichen ist deshalb tDCS zu vermeiden. Des Weiteren ist bisher unzureichend geprüft, wie sich die Feldstärke intrazerebral bei Gewebsübergängen, z. B. zwischen Liquor und Hirnrinde, verhält.

Asif Rahman, der sich am Departement of Biomedical Engineering der CUNY mit dem Effekt von Gleichstromfeldern auf die Synapsen in Rattenhirnen beschäftigt, kommt zum Schluss:

The application of uniform electric fields for long and short durations seem to have non-uniform effects that are dependent on many factors, including ongoing activity, orientation of the neurons to the applied field, and the the intrinsic cortical synaptic connections. Clearly field effects are more complicated than the traditional clinical dogma that „anodal increases excitability“ and „cathodal decreases excitability“.

It’s complicated! Das beruhigt mich. Und ich misstraue darum weiterhin Fehrs Aussage sehr, er könne die Normkonformität einer Person mit einer 9 Volt Batterie manipulieren! Die US-Armee hingegen würde ihm wahrscheinlich glauben, denn sie setzt tdcs ein als Doping für angehende Drohnenoperatoren.

P.S. Hier drüben runzelt der Autor des Blogs „the neurocritic“ die Stirn über einige Paper, die vor einem Monat am „Cognitive Neuroscience Society Meeting“ in Chicago präsentiert wurden. In den Kommentaren verlinkt ein anonymous zu einem anderen Blog, das mit dem Sensationalismus rund um ein aufgeblasenes tdcs-Paper hart ins Gericht geht.