BPA: ECHA verschärft Risiko-Klassifizierung

Das „Committee for Risk Assessment (RAC)“ der europäische Chemikalienagentur ECHA in Helsinki befürwortet einstimmig die Höherstufung von Bisphenol A, BPA, in der Klassierung der Reproduktionstoxizität von Stufe 2 zu Stufe 1B. Das vermeldet unter anderem die Branchenwebsite foodqualitynews.com. Die Reaktion der Plastikindustrie liess nicht lange auf sich warten. „Kunststoffweb“ schreibt:

(…) Der Verband der europäischen Kunststofferzeuger PlasticsEurope (Brüssel / Belgien) hat bereits Kritik an dem Ergebnis geübt. Nach Auffassung des Verbandes rechtfertigen die zur Bewertung herangezogenen Studien keine Neubewertung. (…)

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Spermienkonzentration bei Franzosen in 16 Jahren um 32% gesunken

Von ’89 bis ’05 nahm die mittlere Spermienkonzentration im Ejakulat der 26’609 untersuchten Männer um einen Drittel ab, berichten M. Rolland, J. Le Moal, V. Wagner, D. Royère und J. De Mouzon am 4. Dezember 2012 in „Human Reproduction“ in ihrem Artikel

Decline in semen concentration and morphology in a sample of 26’609 men close to general population between 1989 and 2005 in France

Sie schreiben:

There was a significant and continuous decrease in sperm concentration of 32.2% [26.3–36.3] during the study period. Projections indicate that concentration for a 35-year-old man went from an average of 73.6 million/ml [69.0–78.4] in 1989 to 49.9 million/ml [43.5–54.7] in 2005. A significant, but not quantifiable, decrease in the percentage of sperm with morphologically normal forms along the 17-year period was also observed. There was no global trend but a slight, significant increase in total motility between 1994 and 1998 was observed. The results were robust after sensitivity analysis.

Zur Erinnerung: 2008 im Rahmen des NFP50 publizierte Daten zur Spermaqualität bei Schweizer Rekruten wiesen in eine ähnliche Richtung. Sie zeigen zwar nur eine Momentaufnahme, aber weisen ebenfalls unterdurchschnittliche, regional variierende Werte aus (backup):

More than 50% of the subjects had, at least, one value below the WHO thresholds. The median concentration was comparable to that of Denmark (44 millions/ml), which has the highest testicular cancer incidence in Europe. Regional differences were observed in Switzerland. The sperm concentrations of the subjects living in the Zürich area (36 millions/ml) and in the Alps (43 millions/ml) were slightly lower than those from Jura (54 millions/ml) or the Plateau (54 millions/ml).

Damals hielten Michel Crausaz, Josefina Vargas, Roumen Parapanov, Yves Chollet, Marc Wisard, Eric Stettler, Alfred Senn und Marc Germond in ihrem Artikel (backup chimia.2008.395_01)

First Evaluation of Human Sperm Quality in Various Geographic Regions of Switzerland

in „Chimia“, der Zeitschrift der „Schweizerische Chemische Gesellschaft“ fest:

the low testicular activity of the Swiss conscripts should be recognised as a national health issue, to be taken seriously and further investigated.

Ob sich in der Sache je wieder etwas getan hat? Man sollte vielleicht mal nachfragen.

Eizellen produzierende Stammzellen in Eierstöcken?

Wikipedia schreibt

Die Eierstöcke beherbergen bei der Geburt zusammen etwa 1–2 Millionen Eizellen.

Und das war’s. Mehr Eizellen als bei der Geburt eines Mädchens in ihren Eierstöcken da sind, gibt’s nicht. Galt bis 2004. Da publizierten Tilly et al. bei Nature das Paper „Germline stem cells and follicular renewal in the postnatal mammalian ovary„, worin sie bei Mäusen zum Schluss kamen, es existierten Stammzellen, die Eizellen nachlieferten. Auch nach der Geburt:

these data establish the existence of proliferative germ cells that sustain oocyte and follicle production in the postnatal mammalian ovary.

Das führte zu grossem Aufruhr in der Reproduktionsmedizin. Denn es würde eines der zentralen Dogmen umstossen. Einige Jahre später meldeten andere Forschende, sie könnten, zumindest bei Menschen, die Befunde von Tilly nicht bestätigen.

Jetzt legen Tilly & Co nach. In ihrem neuen Paper bei Nature wollen sie belegen, dass erwachsene Frauen tatsächlich Eizellen neubilden können:

Thus, ovaries of reproductive-age women, similar to adult mice, possess rare mitotically active germ cells that can be propagated in vitro as well as generate oocytes in vitro and in vivo.

Sollte sich das bewahrheiten, wird das äusserst weitreichende Konsequenzen für die Reproduktionsmedizin haben, würden Eizellen damit doch quasi plötzlich ähnlich „leicht verfügbar“ wie männliche Samenzellen. Eine Punktion bei einer Frau, mit der einige von ihren Ei-Stammzellen extrahiert würden, bereitete – über die Vermehrung der Stammzellen – den Weg zu nahezu unbegrenzt vielen Eizellen dieser Frau.

Nicht unbrisant: Seine möglicherweise revolutionären Erkenntnisse und Methoden hat Tilly bereits verkauft. An die von ihm mitgegründete Firma für Reproduktionstechnologien namens OvaScience:

“This research conducted by Dr. Tilly and his team at MGH, and exclusively licensed by OvaScience, has the potential to enable the development of new treatment options for infertility,” said Scott Chappel, Ph.D., chief scientific officer of OvaScience.

Dieses Video zu Tillys neuem Paper stammt von Nature:

SPIEGEL, NZZ, Süddeutsche und die Agenturen DPA & SDA hatten’s dieser Tage natürlich auch davon! Und Kollegin Marieke Degen heute in Forschung aktuell vom Deutschlandfunk.

NACHTRAG 25.5.2013: wissensschau.de berichtet heute, dass die Frage der Stammzellen in Eierstöcken offenbar noch nicht endgültig entschieden ist.