Autoreifen als Wasservergifter

Autos sind nicht nur praktisch, bequem und schaffen viele Arbeitsplätze, sie verpesten auch die Luft, sind laut, versperren den öffentlichen Raum und verschandeln per Strassenbau Stadt und Land. Und sie vergiften die Gewässer. Anno 2007 schrieb am 28. Juli unter dem Titel „Kiloweise Gift auf dem Asphalt“ die Berner Zeitung in einem Kästchen zum Artikel:

13 Autoreifen sind eine ganze Menge. Kaum vorstellbar: Auf einem Kilometer der Autobahn A1 wird jeden Tag eben diese Menge abgefahren. Dieser Abrieb enthält zum einen ungelöste Stoffe, also feste Partikel wie Gummi, aber auch Zink, Cadmium und weitere Schwermetalle. Nach Regen sammeln sich diese Stoffe im Autobahnabwasser, das praktisch überall im Kanton Bern direkt in Gewässer fliesst. Elmar Scheiwiller vom kantonalen Gewässer- und Bodenschutzlabor hat berechnet, welche Schadstoffe pro Jahr auf 10 Kilometern Autobahn mit 74000 Fahrzeugen pro Tag – wie etwa bei Mattstetten – anfallen und in Gewässer fliessen: 6,6 Tonnen ungelöster Stoffe sowie 6,9 Kilo Kupfer, 23 Kilo Zink, 800 Gramm des giftigen Schwermetalls Antimon und 1,4 Kilo Blei.

13 Autoreifen pro Tag abgefahren? Die Formulierung ist zweideutig. Ist damit die integrale Gummimasse von 13 Reifen gemeint? Kaum. Eher wohl die Gummimenge, die an einem Tag 13 Reifen liegenlassen, wenn sie vom Neuzustand auf „zu entsorgen“ herunterfahren. Die A1 ist insgesamt 328 Kilometer lang. 13 Reifen pro Tag pro Kilometer macht (13*365*328) 1’556’360 Reifen. So viele Reifen hinterlassen offenbar ihren gesamten Belag (die gut 1 cm Gummi, die „neuwertig“ von „entsorgen!“ trennen) jährlich alleine auf der Ost-West-Achse auf der Strecke als Abrieb. Abrieb, der dann eben mit dem Regenwasser abgeht. Rechnen wir nochmals nach! Deutsche Zahlen für den Abrieb: Pkw: 53 bis 200 Milligramm pro Kilometer, Lkw: 105 (?) bis 1’700 Milligramm pro Kilometer, Sattelzug: 1’000 bis 1’500 Milligramm pro Kilometer. Nehmen wir einen – wahrscheinlich eher zu hohen – Mittelwert von 500 Milligramm pro Fahrzeug, egal welcher Art. Durch die Hard bei Basel rasten im Oktober dieses Jahres täglich im Schnitt 128’000 Autos in beide Richtungen (1,5 pro Sekunde). Rechne: Die Strecke ist 2 Kilometer lang. 128’000 Autos x 500 Milligramm Abrieb x 2 Kilometer = 128 Kilogramm Abrieb. Täglich! Pro Jahr 46’720 kg Reifenabrieb, konservativ abgerundet auf 20 Tonnen, schon nur auf der Betonpiste durch den Hardwald. Im Lauftext in der Berner Zeitung erfuhr das Publikum zudem:

(…) seit 2002 ist eine Wegleitung des Bundesamtes für Strassen in Kraft, die vorschreibt, Autobahnabwasser künftig zu reinigen, bevor es in ein Gewässer geleitet wird. Das hat seinen Preis: Allein für den Kanton Bern werden die Kosten für die Abwasserbehandlung der Autobahnen auf gegen 66 Millionen geschätzt. Gesamtschweizerisch ist mit einer halben bis einer Milliarde Franken zu rechnen. Verbindlich sind die Vorschriften für neue Autobahnstrecken oder bei einem Ausbau. Der Kanton Bern baut derzeit an mehreren Autobahnstrecken, etwa an der Stadttangente Bern.

Wohin fliesst das Abwasser der Hardstrecke? Im grossen Wald, gleich nördlich davon, liegen übrigens wichtige Trinkwasserquellen von Basel:

Was mit dem Abwasser zu geschehen hat, steht in der Wegleitung „Gewässerschutz bei der Entwässerung von Verkehrswegen„. Ob die basellandschaftlichen Stellen sich daran halten? Bei Gelegenheit mal nachfragen.