BPA Bisphenol A im Neuenburger Trinkwasser

Le Matin titelt gestern:

Neuchâtel: des traces de bisphénol-A découvertes dans l’eau potable

Während die Zeitung korrekt von „traces“ spricht, lautet der Titel des offiziellen Communiqués des Kantonslabors:

Pas de perturbateurs endocriniens dans l’eau potable du canton

Und dort, im Communiqué der Neuenburger Staatskanzlei steht dann:

Le bisphénol-A a été observé dans 6 ressources en eau, à des concentrations comprises entre 6 et 28 ng/l. Dans quatre cas, le traitement appliqué à l’eau pour la rendre potable avait éliminé le contaminant. Dans un cas, il en avait réduit la concentration des deux tiers. Dans un dernier cas, le traitement avait augmenté la concentration à 40 ng/l, ce qui traduit une légère contamination par l’installation de traitement.


Das heisst: An 6 Orten mass das Labor BPA im Wasser ab der Quelle. Was für Quellen das sind, darüber schweigt das Communiqué sich leider aus. Und heute war dort niemand für eine klärende Antwort zu erreichen. Wie argumentiert das Labor, dass seine Messwerte unbedenklich sind? So:

L’Office fédéral de la santé publique a fixé à 75 ng/l d’eau potable la limite de préoccupation toxicologique pour les contaminants les plus toxiques. Aucune des concentrations mesurées de bisphénol-A n’atteint cette valeur. La campagne menée permet de conclure que l’eau potable distribuée dans le canton ne présente aucun risque du point de vue endocrinien.

Woher kommt die Unbedenklichkeitserklärung für alles unterhalb von 75ng/l? Das BAG schreibt unter „Chemische Stoffe im Trinkwasser:

Um den Vorrang der Stoffe festzulegen, welche toxikologisch ausgewertet werden müssen, hat das BAG das Vorgehen des TTC-Konzepts vom ILSI (International Life Science Institute Europe) anerkannt. Dieses Konzept schlägt einen Höchstwert von (≤75ng/L) für bestimmte Stoffklassen vor. Überschreiten die nachgewiesenen Fremdstoffe diese Konzentration, kann ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden. Im Fall einer Überschreitung ist es deshalb empfehlenswert, im Rahmen der Selbstkontrolle ein toxikologisches Gutachten in Auftrag zu geben, um das potenzielle Risiko abschätzen zu können. Unterhalb dieses Wertes ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft davon auszugehen, dass praktisch kein Risiko für die Gesundheit besteht.

Das BAG referiert also auf ein „TTC-Konzept“ eines „ILSI Europe“. Auf dessen „Mission and Values“-Seite lesen wir:

ILSI Europe is funded primarily by its industry members.

Und die gehen von Abbott über BASF und Coca-Cola zu Nestlé, Tetra Pak, Unilver und Yakult Europe.

Fassen wir zusammen: Neuenburg verlässt sich in Sachen Grenzwert für BPA im Trinkwasser auf das BAG. Das BAG seinerseits stützt sich auf das „ILSI Europe“, eine grossmehrheitlich industriefinanzierte Organisation in Brüssel. 2006 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO das ILSI von der direkten Mitarbeit bei der Festsetzung von globalen Standards für Wasser und Nahrungsmittel ausgeschlossen mit der Begründung, es sei zu einseitig finanziert (Environmental Health Perspectives über den Vorgang). Sourcewatch bezeichnet das ILSI als Lobbyorganisation. ILSI selber verwehrt sich allerdings gegen die Bezeichnung (Replik auf ILSI). Das Expertengremium des ILSI hat einen in seinen Worten „pragmatischen“ Grenzwert für irgendwelche Fremdstoffe in Nahrungsmitteln festgelegt:

The Thresholds of Toxicological Concern (TTC) is a pragmatic risk assessment tool that is based on the principle of establishing a human exposure threshold value for all chemicals, below which there is a very low probability of an appreciable risk to human health. The concept that there are levels of exposure that do not cause adverse effects is inherent in setting acceptable daily intakes (ADIs) for chemicals with known toxicological profiles. The TTC principle extends this concept by proposing that a de minimis value can be identified for many chemicals, in the absence of a full toxicity database, based on their chemical structures and the known toxicity of chemicals which share similar structural characteristics. The establishment and application of widely accepted TTC values would benefit consumers, industry and regulators.
An Expert Group of the ILSI Europe Threshold of Toxicological Concern Task Force has examined the TTC principle for its wider applicability in food safety evaluation, and concluded that the TTC principle could be applied for low concentrations in food of chemicals that lack toxicity data. The use of a decision tree to apply the TTC principle was proposed, and this paper describes the step-wise process in detail.

Das vom BAG in der Beziehung als relevant bezeichnete „TTC-Konzept“ und seine Herleitung beschreibt das „ILSI“ hier ausführlich. Dort gibt’s tatsächlich einen Abschnitt über hormonaktive Substanzen. Darin wird wieder auf ein anderes Gremium referiert, das sich 2002 auf der Basis von damals erhältlichen Daten zu BPA geäussert hat:

The SCF in its recent evaluation of bisphenol A (SCF, 2002) concluded that the data on endocrine disrupting effects at very low doses were inconsistent and had not been replicated by subsequent studies. The effects reported at very low doses were not used as the basis for establishing a temporary tolerable intake for this compound. In view of the uncertainties, it seems premature to consider low-dose effects for endocrine disrupting chemicals in the application of a threshold of toxicological concern.

Fazit: Die im neuenburger Trinkwasser gemessenen Mengen von BPA sind klein. Die Unbedenklichkeitserklärung dafür hat keine ganz so wasserdichte Basis, wie die Behörden vermitteln.

Uebrigens: In älteren Untersuchungen (siehe u.a. letzter Abschnitt dieses Postings) hat die Wasserforschungsanstalt EAWAG im Zufluss zu einer Abwasserreinigungsanlage, also in Haushaltsabwässern, BPA gemessen in Konzentrationen von rund 4’500 ng/l.