LC1 macht glücklich – vor allem Nestlé

Eine anregende Recherche von Angela Barandun über die regulatorischen Merkwürdigkeiten in der Schweiz rund um das Nestlé Produkt LC1, die Newsnetz heute publiziert:

Nestlé muss die Werbung ändern
Der Nahrungsmittelkonzern hat damit geworben, die Wirkung seines LC1-Joghurts sei «amtlich bewilligt». Das musste er ändern, obwohl das Bundesamt für Gesundheit die Genehmigung tatsächlich erteilt hatte.

Mit markigen Worten:

Der TA konnte das gesamte Dossier einsehen, auf dem die Bewilligung des BAG basiert. Der Nahrungsmittelkonzern hat mit Partner Lactalis gut 30 Studien eingereicht. Viele davon befassen sich nicht mit dem Effekt von LC1 auf die Verdauung, basieren auf Tierversuchen und Zellstudien (was als wenig aussagekräftig gilt). Oder sie fassen bloss knapp Vorträge zusammen. Bei den Untersuchungen, die an Menschen durchgeführt wurden, mussten die Teilnehmer zum Teil viel zu viel Joghurt essen. Mindestens einmal waren die Probanden Freiwillige aus dem Nestlé-Forschungszentrum. Einige Studien lagen nur auf Japanisch vor, bei anderen fehlten die Primärdaten.
Der emeritierte ETH-Professor Michael Teuber, ein Lebensmittelmikrobiologe, hat das Nestlé-Dossier für den TA angeschaut und kommt zu Schluss: «Meiner Meinung nach kann man mit diesen Studien keinen positiven Effekt von LC1 auf die Verdauung nachweisen.» Die meisten Studien seien nicht relevant oder nicht aussagekräftig. «Die zentrale Studie im Dossier – die einzige, die den Claim wirklich stützen könnte – bezieht sich auf eine Studie mit neun Japanern mit leichter Verstopfung, von denen vier nach der Einnahme von LC1 häufiger aufs Klo mussten», sagt Teuber.

Barandun erwähnt, dass die europäische Nahrungsmittelsicherheitsbehörde EFSA sich die „health claims“ von Nestlé in Sachen LC1 ebenfalls angeschaut habe. Leider verlinkt sie nicht zu den entsprechenden Dokumenten, obwohl sie auffindbar sind. U.a. so: Nestlé erwähnt auf der LC1-Site, dass in dem Produkt das Bakterium „Lactobacillus johnsonii La1“ verwendet werde als für die behauptete Wirkung zuständiges. Mit etwas Google & Glück bin ich auf die Suchmaske der Datenbank der Anfragen an die EFSA gestossen. Nach einigem Rumpröbeln fand ich dort schliesslich den Link zum einzigen wissenschaftlichen Bericht der EFSA in ihrem relevanten Publikationsorgan, der sich zu „health claims“ betreffend „Lactobacillus johnsonii La1“ äussert (inzwischen weiss ich, es geht auch einfacher: direkt im EFSA Journal nach johnsonii la1 suchen): „Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to Lactobacillus johnsonii NCC 533 (La1) (CNCM I-1225) and improving immune defence against pathogenic gastro-intestinal microorganisms (ID 896), and protection of the skin from UV-induced damage (ID 900) pursuant to Article 13(1) of Regulation (EC) No 1924/2006“ (lokales Backup). Publiziert Mitte 2011. Dessen Aussage ist vernichtend für LC1:

Improving immune defence against pathogenic gastro-intestinal microorganisms
The claimed effect is “natural defence/immune system”. The target population is assumed to be the general population. In the context of the clarifications from Member States and the references provided, the Panel assumes that the claimed effect refers to improving immune defence against pathogenic gastro-intestinal microorganisms. The Panel considers that improving immune defence against pathogenic gastro-intestinal microorganisms is a beneficial physiological effect. No human studies from which conclusions could be drawn for the scientific substantiation of the claim were provided.On the basis of the data presented, the Panel concludes that a cause and effect relationship has not been established between the consumption of Lactobacillus johnsonii NCC 533 (La1) (CNCM I-1225) and improving immune defence against pathogenic gastro-intestinal pathogens.

Unter den 10 wissenschaftlichen Publikationen, die die EFSA im Bericht erwähnt (über 40 andere, von EU-Staaten und Antragstellern vorgelegte, hatte sie im Vorverfahren bereits als irrelevant und / oder untauglich ausgeschieden), und auf die sie sich für ihr Urteil abstützt, wird eine einzige japanische Arbeit erwähnt. Sie ist auch bei pubmed zu finden: „Improvement of the human intestinal flora by ingestion of the probiotic strain Lactobacillus johnsonii La1.“ Ist dies diejenige, auf die sich Teuber in seinem Zitat im Artikel von Barandun bezieht („eine Studie mit neun Japanern mit leichter Verstopfung, von denen vier nach der Einnahme von LC1 häufiger aufs Klo mussten“)? Falls ja, hat Teuber sich etwas vertan. Über die Versuchsanlage sagt der Abstract:

Twenty-two young healthy Japanese women were randomly divided into two groups, and either received fermented milk with L. johnsonii La1 or a fermented milk without L. johnsonii La1 (placebo) daily for 21 d.

Das Resultat allerdings ist durchaus „Teuber’sch“:

Consumption of the fermented milk: (a) increased total Bifidobacterium and Lactobacillus, and decreased lecithinase-positive Clostridium in the faeces; (b) increased the faecal lactic acid concentrations; (c) decreased the faecal pH; (d) increased the defecation frequency. These changes were stronger than those observed with the placebo. L. johnsonii La1 was identified in all subjects only after the consumption of the fermented milk. These results suggest that L. johnsonii La1 can contribute to improve intestinal microflora with probiotic properties.

Also, wenn ich’s recht verstehe: Bei allen 22 japanischen Jogurthesserinnen waren gegenüber vorher Veränderungen in Darm & Stuhl festzustellen. Bei jenen ohne das LC1-Bakterium im Jogurth UND bei jenen mit. Einziger Unterschied: Bei den LC1-Bakterium-Esserinnen waren sie – unspezifiziert – „stronger“, stärker. Whatever that means… L. johnsonii La1 war in den Ausscheidungen ALLER Jogurthesserinnen zu finden, nach dem Jogurthessen. Die EFSA hat in der „Detailberatung“ das Paper in der Luft zerrissen, wie ihrem Bericht auf Seite 6 zu entnehmen ist.

Ein Autor der Studie, Yoichi Fukushima, hat sich bereits mehrfach mit dem Bakterium befasst und arbeitet, laut dem Autorenverzeichnis des 2011 erschienenen Fachbuches „Lactic Acid Bacteria and Bifidobacteria – Current Progress in Advanced Research„, bei Nestlé Japan.

Fazit? Wenn Nestlé behauptet, „dass Aufgrund der vorgelegten Studien eine Dosis-Wirkung belegt ist und deshalb die gesundheitsbezogene Aussage ‚Nestlé LC1 reguliert sanft und natürlich die Verdauung‘ genehmigt werden kann“, dann meint „Dosis-Wirkung“: die Veränderungen im Darm zwischen „ohne Jogurth“ und „mit Jogurth“. Nimmt man die EFSA-Bewertung hinzu, kann man schliessen, dass dieselbe Aussage auch für jedes andere Jogurth gilt: Alle „tun der Verdauung gut“. LC1-spezifisch ist gar nichts. Der Rest ist heisse Luft des Marketings. Was Nestlé, mit dem Segen des BAG, von LC1 behauptet, lässt sich ergo mit Fug und Recht über alle sagen, sogar das aus Vevey: „Jogurth reguliert sanft und natürlich die Verdauung“.

Harmlos oder giftig: Der Streit um Bisphenol A BPA

In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich relativ hohe Konzentrationen der Chemikalie Bisphenol A (BPA). BPA wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Nur wenige Sekunden Fingerkontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und teilweise in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie in WC-Papier und damit in die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot. Der Streit darum, ob BPA, ein elementarer Baustein auch vieler Kunststoffe, harmlos oder hochgiftig ist, beschäftigt Expertengremien weltweit. Eine Auslegeordnung.

So gesendet heute in Kontext auf DRS2

Uebrigens: Grad gesten hat die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit EFSA angekündigt, dass sie Anfang April ein Expertenmeeting abhält zum Thema BPA. Und auf Mai 2010 kündigt sie gleichzeitig ein neues Statement zu der Frage an.