EFSA Chefin Diána Bánáti von EFSA zum Rücktritt aufgefordert

Die EFSA meldet:

Upon request of the European Food Safety Authority (EFSA), Diána Bánáti has resigned on 8 May as member and Chair of the Management Board, effective immediately. She has decided to take up a professional position at the International Life Sciences Institute (ILSI) which is not compatible with her role as member and Chair of the EFSA Management Board.

Das ist in mindestens zwei Hinsichten interessant:

1. Schon 2010 äusserten offenbar die Grünen im EU-Parlament Kritik an dieser Doppelfunktion von Bánáti. Martin Häusling argumentierte:

Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA ist „die“ europäische Behörde, wenn es um die Lebensmittelsicherheit in Europa geht. Ob sie aber tatsächlich im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa handelt, darf absolut in Frage gestellt werden.
Diana Banati, die Vorsitzende des Verwaltungsrates der EFSA hat nebenbei eine führende Position beim ILSI (International Life Science Institut). Das ILSI gibt sich zwar selbst gerne als allgemeinnützig, ist aber tatsächlich eine – zwar verkappte, aber riesige – Lebensmittellobby. So vertritt ILSI Monsanto, Syngenta, BASF, Dupont, Coca Cola, Nestlé, Unilever, Groupe Danone und viele andere.
Der Verwaltungsrat setzt sich zur Hälfte aus der Industrie und zur Hälfte aus Vertretern der so genannten „Nicht-Industrie-Mitglieder“ – wie Frau Banati als Wissenschaftlerin – zusammen. Ihre Mitgliedschaft im Verwaltungsrat hat Frau Banati bis Vorgestern der Öffentlichkeit verschwiegen. Darüber hinaus hat sie ihre Position beim ILSI sehr viel geringer dargestellt, als dies tatsächlich der Fall ist. Sie deklariert sich als Mitglied im Ausschuss der wissenschaftlichen und beratenden Mitglieder.

2. Das Bundesamt für Gesundheit beruft sich auf eine von eben jemen von den Grünen kritisierten ILSI entwickelte Methode, wenn es darum geht, die Giftigkeit von Trinkwasserverunreinigungen hierzulande einzuschätzen. Das BAG schreibt unter „Chemische Stoffe im Trinkwasser:

Um den Vorrang der Stoffe festzulegen, welche toxikologisch ausgewertet werden müssen, hat das BAG das Vorgehen des TTC-Konzepts vom ILSI (International Life Science Institute Europe) anerkannt. Dieses Konzept schlägt einen Höchstwert von (≤75ng/L) für bestimmte Stoffklassen vor. Überschreiten die nachgewiesenen Fremdstoffe diese Konzentration, kann ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden. Im Fall einer Überschreitung ist es deshalb empfehlenswert, im Rahmen der Selbstkontrolle ein toxikologisches Gutachten in Auftrag zu geben, um das potenzielle Risiko abschätzen zu können. Unterhalb dieses Wertes ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft davon auszugehen, dass praktisch kein Risiko für die Gesundheit besteht.

Das BAG referiert also auf ein „TTC-Konzept“ eines „ILSI Europe“. Auf dessen „Mission and Values“-Seite lesen wir:

ILSI Europe is funded primarily by its industry members.

Und die gehen von Abbott über BASF und Coca-Cola zu Nestlé, Tetra Pak, Unilver und Yakult Europe. 2006 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO das ILSI von der direkten Mitarbeit bei der Festsetzung von globalen Standards für Wasser und Nahrungsmittel ausgeschlossen mit der Begründung, es sei zu einseitig finanziert (Environmental Health Perspectives über den Vorgang). Sourcewatch bezeichnet das ILSI als Lobbyorganisation. ILSI selber verwehrt sich allerdings gegen die Bezeichnung (Replik auf ILSI). Das Expertengremium des ILSI hat einen in seinen Worten „pragmatischen“ Grenzwert für irgendwelche Fremdstoffe in Nahrungsmitteln festgelegt:

The Thresholds of Toxicological Concern (TTC) is a pragmatic risk assessment tool that is based on the principle of establishing a human exposure threshold value for all chemicals, below which there is a very low probability of an appreciable risk to human health. The concept that there are levels of exposure that do not cause adverse effects is inherent in setting acceptable daily intakes (ADIs) for chemicals with known toxicological profiles. The TTC principle extends this concept by proposing that a de minimis value can be identified for many chemicals, in the absence of a full toxicity database, based on their chemical structures and the known toxicity of chemicals which share similar structural characteristics. The establishment and application of widely accepted TTC values would benefit consumers, industry and regulators.
An Expert Group of the ILSI Europe Threshold of Toxicological Concern Task Force has examined the TTC principle for its wider applicability in food safety evaluation, and concluded that the TTC principle could be applied for low concentrations in food of chemicals that lack toxicity data. The use of a decision tree to apply the TTC principle was proposed, and this paper describes the step-wise process in detail.

Das vom BAG in der Beziehung als relevant bezeichnete „TTC-Konzept“ und seine Herleitung beschreibt das „ILSI“ hier ausführlich.

Fazit: Die Nahrungsmittelsicherheitsbehörde EFSA trennt sich von ihrer Chefin, weil die parallel dazu in einer Lobbyorganisation tätig ist. „Unser“ Bundesamt für Gesundheit beruft sich in Sachen Trinkwasserqualität auf einen Standard, den ebendiese Lobbyorganisation gesetzt hat (siehe auch „BPA Bisphenol A im Neuenburger Trinkwasser“). Andere Länder, andere Sitten…

Die EFSA vertwittert den Vorgang heute Morgen so:

Das ILSI seinerseits 6 Stunden später so:

Public Service Europe berichtet hier ausführlich und mit mehreren Drittstimmen über den Vorgang.