BPA in Bier und Cola

Lars Fischer brachte mich darauf, mal nach Bisphenol A in Dosengetränken zu googlen.

Schnell „bpa, alu, can“ eingegeben und kurz darauf ist, via diesen Artikel bei treehugger, die Analyse der kanadischen Gesundheitsbehörde mit dem naheliegenden Titel „Survey of Bisphenol A in Soft Drink and Beer Products from Canadian Markets“ (backup, Textversion) schon gefunden. Die Werte:

bpa-softdrinks

bpa-bier

Die Konzentrationen liegen damit grob geschätzt bei rund 1% von jenen, die die westschweizer Zeitschrift femina vor einiger Zeit in Nahrungsmitteln in Konservendosen fand.

BPA im Trinkwasser der Mäusermutter verändert ihre Kinder – Wird das Nestlé Institute of Health Sciences „functional food“ dagegen entwickeln?

474’850.- CHF erhielt das NFP50 Projekt „Role of environmental Endocrine Disruptors in the aetiology of Intrauterine Growth Retardation and its later consequences such as disorders in brain development and adult-onset obesity“ unter der Leitung von Michel L. Aubert, Endokrinologe am Kinderspital von Genf, für 30 Monate ab 1.1.2005. Es untersuchte, gemäss zusammenfassendem Schlussbericht:

Nicotine from cigarette smoking and Bishphenol A from plastics could be considered a “domestic” health hazard for foetuses, with the potential of being in part responsible for the childhood obesity outbreak. The effects of exposure during gestation to Nicotine and Bisphenol A were therefore studied in rodent models.

Eines seiner Ergebnisse: Veränderungen in der Hirnentwicklung des Nachwuchses, wenn die schwangere Mäusemutter Nikotin oder Bisphenol A ausgesetzt wurde:

Studying the effect of Bisphenol A on brain development indicated altered neurochemical profile in a manner consistent with altered malate-aspartate shuttle activity, which we propose to reflect impaired mitochondrial function. It was expected that malnutrition and glucocorticoids would induce structural damages; it is interesting to see that both nicotine and Bisppenol A produced significant alteration of structural brain development in the offspring.

2009 veröffentlicht Aubert et al. den Artikel „Perinatal Exposure to Bisphenol A Alters Early Adipogenesis in the Rat“ und kommt darin zum Schluss: Wenn die Mäusemutter BPA im Trinkwasser hat, werden ihre Mäusetöchter dicker!

Perinatal exposure to a low dose of BPA increased adipogenesis in females at weaning. Adult body weight may be programmed during early life, leading to changes dependent on the sex and the nutritional status. Although further studies are required to understand the mechanisms of BPA action in early life, these results are particularly important with regard to the increasing prevalence of childhood obesity and the context-dependent action of endocrine disruptors.

Die wissenschaftliche Publikation von u.a. Michel Auber anno 2010 „Developmental and metabolic brain alterations in rats exposed to bisphenol A during gestation and lactation.“ hält fest: Wenn die Mäusemutter BPA im Trinkwasser hat, verändert sich die Hirnentwicklung ihres Nachwuchses:

Localized proton magnetic resonance spectroscopy ((1)H MRS) showed in the BPA-exposed rat a significant increase in glutamate concentration in the hippocampus as well as in the Glu/Asp ratio. Interestingly these two metabolites are metabolically linked together in the malate-aspartate metabolic shuttle. Quantitative histological analysis revealed that the density of NeuN-positive neurons in the hippocampus was decreased in the BPA-treated offspring when compared to controls. Conversely, the density of GFAP-positive astrocytes in the cingulum was increased in BPA-treated offspring. In conclusion, exposure to low-dose BPA during gestation and lactation leads to significant changes in the Glu/Asp ratio in the hippocampus, which may reflect impaired mitochondrial function and also result in neuronal and glial developmental alterations.

In der Kürzestzusammenfassung der Ergebnisse im Rahmen des NFP50 schrieb Aubert bereits 2008 über die Perspektiven seiner Forschung, dass man mit Nestlé kooperiere, um Nahrungsmittel zu testen, die Foeten vor Schäden durch Chemikalen schützen, oder bereits eingetretene Schäden an ihnen reparieren könnten:

With the help of Nestlé-Nutrition, we will evaluate the benefit of nutritional interventions during the perinatal period meant to prevent or repair the damages encountered during foetal life due to exposure to EDC’s. Nutritional interventions may represent an acceptable mean to correct these damages.

Vier Jahre später, am 2. November 2012, um 11:01 Uhr, twitterte der Schweizer Gesundheitsminister:

Und als „Vision“ nennt das von Berset eröffnete Nestlé-Institut:

We will perform and leverage fundamental biomedical research to find new routes to nutrition-based disease prevention and, possibly also medical disease treatment. (…) This translational approach is expected to result in nutritional strategies to help slow and even prevent the onset of chronic diseases in ways that may be as effective as, and more affordable than, drugs.

Man ahnt bereits die die künftigen Werbeslogans von Nestlé:

Wollen Sie ihr Kind in ihrem Bauch schützen vor schädigenden Umwelteinflüssen, wie hormonaktive Stoffen? Dann essen sie täglich ein Protecta-Yogurt! Es stärkt ihr Baby schon während der Schwangerschaft!

Das entspricht in etwa der zynischen Haltung: „Die Gifte aus der Umwelt raus bekommen wir sowieso nicht mehr, also ist es logisch, sich medikamentös gegen ihre Schadwirkung zu schützen. Und wenn Nestlé Nahrungsmittel konstruiert mit den dazu dienlichen pharmakologischen Wirkungen, dann ist das eine gute Sache.“

Bundesamt für Gesundheit BAG publiziert Bisphenol A BPA Studie zu Hautgängigkeit

Erinnern Sie sich an die Thermopapier-Kassenzettel und die Tests in Sachen Aufnahme der hormonaktiven Chemikalie durch die Haut …

beim Kantonalen Labor in Zürich anno 2010 (paper: „Transfer of bisphenol A from thermal printer paper to the skin„, Sandra Biedermann & Patrik Tschudin & Koni Grob)? Das BAG hat darauf Ende August 2012 mit einem eigenen Paper reagiert. Die Experimente dafür lagerte das Bundesamt aus zu den „Harlan Laboratories“ (die auf drei Kontinenten Tierversuche durchführen im Auftragsverhältnis), Filiale Itingen (BL). Die BAG-Publikation kostet 31.50$ auf der Site des Journals. Wer freundlich fragt, erhält sie vom BAG dennoch kostenlos zugemailt: Demierre et al 2012. Darin steht, womit und wie die Versuche durchgeführt wurden, um herauszufinden, in welchen Mengen Bisphenol A durch lebendige menschliche Haut geht:

2. Material and methods
All experiments have been done under GLP conditions at Harlan Laboratories Ltd., Itingen, Switzerland, following the OECD TG 428 (Skin absorption: in vitro method).

2.1. Human skin
Full thickness skin was obtained from 2 human cadavers. The samples were taken from the dorsal part of the upper legs. The intact skin samples were then stored at −20◦C for up to one year. After thawing, 7 skin sections of 200 um thickness were cut off from the top using a dermatome (cordless dermatome GA 643). (…)

Von der Hinterseite der Oberschenkel zweier Leichen wurden also – im Querschnitt vollständige – Hautproben genommen. Diese Proben lagerten bis zu einem Jahr bei -20 Grad. Nachdem man sie aufgetaut hatte, schnitt man von deren alleroberster Schicht (Epidermis? Stratum corneum / basale?) 7 hauchdünne (200 Mikrometer [0,2 Millimeter] dicke) Scheiben ab. Und hat mit diesen Fitzelchen experimentiert.

Wem es jetzt, als Laien wie mir, irgendwie schwer nachvollziebar erscheint, ob damit relevante Aussagen über die Verhältnisse auf der Hand und in der Haut z.B. einer Supermarktkassiererin zu erhalten sind, die tagtäglich hunderte Kassenzettel zerknüllt oder weitergibt, dem hält das BAG die OECD Richtlinie 428 („Test No. 428: Skin Absorption: In Vitro Method“) vor die Nase und sagt – zugespitzt: „Danach liessen wir Harlan vorgehen. Das ist internationaler Standard. Basta!“

Von der wirtschaftsnahen OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erhält man erfreulicherweise auf Nachfrage recht rasch die Liste der Mitglieder des Komitees, das die Richtlinie 428 verantwortet, und den Bericht über deren Entstehungsgeschichte: oecd-428. Auf Seite 34ff. finden wir dort neben einigen Fachleuten aus staatlichen Forschungsinstituten und Regulierungsbehörden auch – gleichberechtigt – Industrievertreter: Unilever, AstraZeneca, Rhone-Poulenc und Henkel.

Was die bei „Harlan Laboratoris Ltd.“ durchgeführte BAG-Studie mit ihrem Ansatz schliesslich rausgefunden hat über das Eindringen des hormonaktiven Bisphenol A durch die Haut? Das schreiben die AutorInnen bereits in den „highlights“ auf der ersten Seite:

– The aim of the study was to determine the dermal penetration rate of bisphenol A.
– The analysis has been done under GLP conditions and according to OECD guideline 428.
– The test has been performed in conditions close to reality.

„close to reality“? Naja… (siehe oben). Jedenfalls:

– The contribution of dermal exposure to bisphenol A is confirmed to be moderate.

Und der letzte Satz lautet:

In conclusion, the present study confirms that dermal exposure to BPA is moderate and contributes in a negligible way to total body burden.

Fakt ist trotzdem: Die Studie belegt, sogar mit ihren OECD-konformen „in vitro“ Methoden, dass der Stoff tatsächlich durch die Haut geht! Diese Grafik daraus…

… zeigt, wieviele % der aufgetragenen Menge nach wie lange durch die in der Studie verwendeten 7 Fitzelchen der obersten Hautschicht dringen, und damit prinzipiell zu den äussersten, feinsten Blutgefässen durchkommen.

Bisphenol A BPA Selbstversuch von 4 schwedischen JournalistInnen

Radio Schweden paraphrasiert die Ergebnisse der Recherche des Svenska Dagbladet:

„Ich hatte mir schon gedacht, dass man etwas sehen würde, aber dass die Auswirkungen so groß sind, hat mich überrascht“, so Christian Lindh. Der Dozent für Arbeits- und Umweltmedizin an der Universität Lund hat das Experiment überwacht, das vier Reporter von Svenska Dagbladet mit sich selbst als Versuchspersonen unternahmen und das die schwedische Öffentlichkeit aufgeschreckt hat. Zwei Tage lang lebten die Vier von Essen aus Konservendosen – und somit auch von Sonderrationen Bisphenol A, das in der Innenbeschichtung der Dosen enthalten ist und sich bei Kontakt mit Lebensmitteln lösen kann. (…) Bereits im Laufe der zwei Versuchstage stiegen die Bisphenol A-Werte im Körper der Reporter dramatisch an – bei einem der Beteiligten wurde nach Abschluss des Versuchs gar der bisher höchste Wert in Schweden gemessen. Seine Urinprobe zeigte eine Steigerung der Werte um 4600 Prozent. Für Matilda Ernkrans, umweltpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten, ist die Schlussfolgerung klar: „Es gibt hinreichende Gründe dafür, die Verwendung von Bisphenol A für alle Produkte zu untersagen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Das aktuelle Experiment belegt das.“

Bei der Gelegenheit sei an die Analysen hiesiger Doseninhalte auf BPA hingewiesen, die femina Anfang März publizierte.