Erlenmatt: A la recherche des chances perdues et prises

2013 ist wahrscheinlich der letzte Sommer, in dem die Erlenmatt noch Reste von Off-Location-Charme, In-Place-Groove und Freiraum-Appeal besitzt. Die Bagger graben gerade den Westteil um. Bis in ein paar Jahren ist das ehemalige Bahn- und Industriegelände domestiziert.

Erlenmatt Luftaufnahme

Das eiskalte Kalkül der Berner «Bricks Immobilien AG» ist aufgegangen. Im Sommer 2010 investierte sie in 22’640 Quadratmeter beim Riehenring. Den Boden kaufte sie von der deutschen «Vivico», die seit ihrem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007 eine Tochterfirma der österreichischen Immobiliengesellschaft «CA Immo» ist. Jetzt nehmen ihr Pensionskassen, Versicherungen und Immobilienfonds das Land ab, um drauf zu bauen. Die Rendite in den nur drei Jahren: Der Sechser im Immobilien-Lotto für die Aktionäre der «Bricks». So geht das!

Die neuen Herren von «Erlenmatt West» heissen – laut Bauverantwortlichen vor Ort – Securitas Pensionskasse, «Edifondo» (PK Losinger-Marazzi), Berner Gebäudeversicherung, Vaudoise Versicherung, Next Immobilien, Helvetic Trust, Credit Suisse Immobilienfonds und «Patrimonium» Anlagestiftung. In ihren Taschen landen künftig die Mieteinnahmen. Gemeinsam investieren sie rund 240 Millionen Franken in Land und neue Häuser. 574 Wohneinheiten baut «Losinger-Marazzi» bis Ende 2015. 48 stehen für 650’000.- bis 930’000.- unter dem Label «Erlengrün» zum Verkauf im Stockwerkeigentum. Das Seniorenheim, unmittelbar nördlich der «Swiss International School», erhält 119 Zimmer. Geführt wird es von «Senevita», die ihre Firmenadresse in Muri bei Bern teilt mit «Bricks». Die Lärmschutzwand in der Kurve der Nordtangentenrampe kommt – vielleicht – 2014.

Städtebaulicher Rahmenvertrag

Ende 2002 unterschrieb Regierungsrätin und Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton mit den damaligen Grundeigentümerinnen, der Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn und der Vivico Real Estate, bis 2007 Tochterfirma der DB, den «Städtebaulichen Rahmenvertrag».

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Das Dokument, ein wichtiger Meilenstein, hält der Kanton bis heute unter Verschluss. Begründung: «Bricks», Rechtsnachfolgerin von «Vivico», sei gegen die Publikation. Nur ein kleiner Personenkreis kennt seinen Inhalt. Der Vertrag schreibt fest, was die städtplanerischen Wettbewerbe und öffentlichen Diskussionen in den Jahren vor 2002 für die Erlenmatt als Resultate ergeben hatten. Damit setzte er die Leitplanken für alle späteren Entwicklungen (Umzonung 2004, Bebauungsplan 2004, Regierungsratschläge, Volksabstimmung 2005 etc. pp.).

«Wenn ich heute über die Erlenmatt spaziere», sinniert der Geograph Martin Sandtner, seit 2009 Leiter des baselstädtischen Planungsamtes, «erlebe ich ein neues Stück Stadt, mit einem grossen Park, Spielmöglichkeiten für Kinder und einem bereits seit 2009 bezogenen Neubau mit 239 Wohnungen.» Er sehe «ein Stück Stadt, in dem sich bereits heute gut leben lässt, in dem aber auch viel Dynamik spürbar ist».

Irène Meier (Name geändert) wohnt in einer der 239 Wohnungen im «Erlentor» der «Publica» (Pensionskasse des Bundes). Sie bezahlt knapp über 1’000.- für ihre 2 ½-Zimmer auf 53 Quadratmetern. Die Verwaltung («Privera») schrieb ihr in den Vertrag, Baulärm sei kein Grund für eine Mietzinsreduktion.

Erlenmatt

Wie lange die Bagger unterwegs sind, weiss Irène nicht, darüber hat die «Privera» sie nicht informiert. «In letzter Zeit war es recht staubig wegen der Bauerei», erzählt sie. Mit dem Stichwort kommt Wind auf, langgezogene, ockerfarbene Wolken ziehen über das Areal. «Manchmal legen die Bagger schon frühmorgens los.» Trotzdem lebt Irène gerne hier, auf Basels grösster Baustelle, sagt sie vor ihrer Haustüre.

Drei weibliche «FaBe» (Fachpersonen Betreuung) spazieren im Schneckentempo vorbei, neun ihnen anvertrauten Dreikäsehochs im Schlepptau. Die Kinder tragen alle merkwürdige Gstältli. An den Gstältli hängen Leinen. Die Leinen enden in den fürsorgelichen Händen der «FaBe»s. Kein schöner Anblick. Hunde dürfen frei rumrennen auf der Erlenmatt, diese Kinder nicht.

Das Krippengeschäft laufe sehr gut im «Erlentor», ist von Betreuenden zu hören. Novartis, Roche und Syngenta halten den Tagesheimen Kundschaft zu. Die Novartis hat im «Erlentor» gleich 40 möblierte Wohnungen gemietet für Expats. Die sind froh, wenn sie ihren Nachwuchs ganz nahe unterbringen können.

Krokodilstränen

«Lediglich bezüglich Wohnungsmix hätten wir uns seitens Kanton mehr grosse, familientaugliche Wohnungen gewünscht», urteilt Planungsamtchef Sandtner heute über die Blocks, an denen «Losinger-Marazzi» jetzt baut. Krokodilstränen? Verwaltung, Regierung und Parlament hatten es über viele Jahre in der Hand, genau das verbindlich zu fordern. Sie unterliessen es aber bereits 2004, im Bebauungsplan für die Erlenmatt entsprechende Vorgaben zu formulieren. Dort steht nichts zum «Wohnungsmix».

Der Bebauungsplan trat in Kraft, als im Februar 2005 das von rechtsbürgerlichen Kreisen lancierte Referendum gegen den Umzongungs-Ratschlag scheiterte. Die Abstimmungsunterlagen der Regierung versprachen ein «zeitgemässes Wohnungsangebot», «insbesondere für Familien ideal». Eine wasserdichte Grundlage für das Versprechen existierte nie.

Luc Saner, ehemaliger FDP-Grossrat und 2004 Mitglied im Referendumskomitee «gegen die ‘Ghettoisierung’ der Erlenmatt», rechnete damals in der BaZ vor, es würde den Kanton nur rund 15 Millionen kosten, das ganze Areal zu kaufen. Alt-Regierungsrat Karl Schnyder (DSP), Luc Saner, Angelika Zanolari (SVP) und ihresgleichen träumten von einem grossen See, samt Sandstrand, und Einfamilienhäuschen, da wo jetzt die Wohnblocks aus dem Boden wachsen. Ihr Schlachtruf: «Eine Seele für Basel!».

Beat Jans auf der anderen Seite, damals Präsident der SP-Basel-Stadt, heute SP-Nationalrat, sekundierte seiner Genossin, Baudirektorin Barbara Schneider. Er behauptete am 31. Januar 2005 in der BaZ, der Kanton müsse bei Annahme des Referendums abschreckende 300 Millionen investieren, um das Areal zu übernehmen. Das Referendum scheiterte, Team «Schneider / Jans» gewann. Der Erlenmatt-Zug fuhr weiter, wie im «Städtebaulichen Rahmenvertrag» vorgezeichnet: Die Filetstücke für den Hausbau gehen in grossen, teuren Einheiten an kapitalkräftige Investoren, darunter heute «Bricks Immobilien AG» und Stiftung «Habitat». Der Kanton hübscht ihnen mit öffentlichen Geldern das Umfeld auf, zahlt für Grünflächen, Strassen, Plätze und Schulhaus.

Kostenüberschreitung

Zwei Jahre nach der Abstimmung schrieben Patrick Marcolli und Christian Mensch 2007 in der BaZ: «Das neue Stadtquartier kostet die Stadt Basel deutlich mehr als geplant.» Zu verantworten habe das «zu einem rechten Teil das Baudepartement». Statt des Nullsummenspiels aus 60 Millionen Einnahmen im Mehrwertfonds und gleich hohen Ausgaben für Landkauf und Umgestaltung, muss der Kanton schon damals 20 Millionen drauflegen. Ihre Fehlkalkulation brachte Schneider Mitte Oktober 2007 Schelte im Grossen Rat ein. Die Zusatzmillionen gewährte er ihr trotzdem.

Inzwischen gibt Schneiders Nachfolger, Hans-Peter Wessels, unumwunden zu, ein «zentrales Problem» der Erlenmatt sei, «dass der Kanton den Boden nicht gekauft hat». In der «Schweiz am Sonntag» vom 28.4.2013 erklärt er, das habe «zu einem komplizierten Dreiecksverhältnis zwischen dem Entwickler, den privaten Investoren und dem Kanton» geführt. Wie in jedem Dreiecksverhältnis, blieb auch hier einer auf der Strecke: «Das Erlenmatt-Areal wurde von einer Firma übernommen, welche die Arealentwicklung selbst in die Hand genommen hat.» Er kann nur «Bricks» meinen. UPDATE: Das war eine Fehlinterpretation meinerseits, Pardon. Er meint die „Vivico“, wie er mir mitteilte.

Die Berner Firma «Bricks Immobilien AG» kaufte 2011, zusätzlich zu den 22’640 Quadratmetern Erlenmatt, die sie schon besass, die Parzellen 3136, 3148 und 2149 von «Vivico», Tochterfirma des österreichischen Immobilienkonzerns «CA Immo» seit dem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007. Das waren zusammen nochmals rund 38’000 Quadratmeter. Als der Regierungsrat am 20. Dezember 2012 verkündete, das Projekt «Twix» habe den Architekturwettbewerb um das Primarschulhaus gewonnen, gehörte der Boden, auf dem es zu stehen kommen sollte, Parzelle 3136, nicht «Immobilien Basel-Stadt» (IBS).

Erlenmatt

Hinter den Kulissen rang der Kanton bis Anfang 2013 mit «Bricks» um die Schulhausparzelle. Der Konflikt eskalierte. «Verkauf Grundstück durch Bricks Immobilien an IBS könnte zu einem Enteignungsverfahren führen», notierten Kantonsangestellte in ihren Protokollen. Schliesslich lenkte «Bricks» aber doch noch ein und trat den Boden an IBS ab, zum Quadratmeterpreis, wie er im Rahmenvertrag festgelegt ist: Fr. 120.-, plus Teuerung seit 2002.

Und dann wär da noch das seit Jahren versprochene Einkaufszentrum Ecke Erlenstrasse / Schwarzwaldallee.

Erlenmatt

Mit jedem Nachhaken bei der Firma «Multi Development», wandert dessen Baubeginn nach hinten. Vor wenigen Tagen schrieb die Pressesprecherin von «Multi»: «Wir gehen davon aus, mit dem Bau der Erlenmatt Galerie Ende des Jahres 2013 beginnen zu können.» Im April, vor drei Monaten, lag der auf dieselbe Frage genannte Termin noch drei Monate früher: «Darüber hinaus halten wir weiterhin an unseren Planungen fest im Herbst 2013 mit dem Bau der Erlenmatt Galerie zu beginnen.»

So soll das Einkaufzentrum auf der Erlenmatt aussehen

Dass die Regierung sich mit dem Rahmenvertrag in entscheidenden Punkten selbst entmachtet hatte, schien erneut durch im September 2012, in ihrer Antwort auf eine Interpellation von Urs Müller (Grünes Bündnis). Er hatte wissen wollen, wie sie es halte mit ihrem Versprechen von 2005, auf der Erlenmatt würde ein «zeitgemässes Wohnungsangebot, insbesondere für Familien» entstehen. Schnippisch schrieb die Regierung zurück, es sei 2004 im Ratschlag für die Umzonung der Erlenmatt nirgends eine Mindestzahl für 4-Zimmer-Wohnungen definiert worden. Der «Wohnungsmix» werde «von den Investoren unter Berücksichtigung der Marktsituation definiert». Ausgedeutscht: «Bricks» und Konsorten sagen, wo’s lang geht. Familienwohnungen? Danach solle man bei der «Stiftung Habitat» suchen: «Bei der Überbauung der Stiftung Habitat geht der Regierungsrat davon aus, dass die Stiftung Wert darauf legt, dass ein grosser Anteil an Familienwohnungen erstellt wird.»

P1010421

Bei «Habitat» wird tatsächlich anders geplant, als bei «Bricks» und Konsorten. Patrizipativer, kleinteiliger, nicht profitorientiert, wie ihrer Website «Erlenmatt Ost» zu entnehmen ist. Die Stiftung steht in Gesprächen mit verschiedenen Wohnbaugenossenschaften. Ein Haus für Studierende, samt öffentlicher Schwimmhalle im Tiefparterre ist in Planung. Ihren Boden verkauft die Stiftung nicht weiter, sondern gibt ihn im Baurecht ab. Das klingt sympathisch und liegt im freien Ermessen der Stiftung. Zu sagen hat die Regierung dazu, wie auch zum ganz anderen Vorgehen der «Bricks», nur noch sehr wenig.

Barbetriebe

Die provisorische open-air-Bar «Sommerresidenz» im Nordteil der Erlenmatt, nutzt Habitat-Boden, temporär. Wirt Jonas sitzt an der Theke. Er macht den DJ an iPhone und Macbook. Demnächst treffe er Stiftungsvertreter, um zu besprechen, wie’s nächstes Jahr weitergeht, erzählt er nebenher. Er rechnet sich gute Chancen aus, auch 2014, seinem vierten Jahr auf der Erlenmatt, Gäste empfangen zu können.

Wirtin Céciles «Sonnendeck» gegenüber liegt auf «Bricks»-Boden. Sie sieht schwarz für 2014. Allerdings sah sie das schon 2012 für 2013, gesteht sie schmunzelnd an ihrer Theke. Der Kontaktmann bei «Bricks» sei im Grunde recht umgänglich. Nur als sie letztes Jahr die Bar-Infrastruktur nach der Saison nicht abgerissen hätten, obwohl er es angeordnet habe, da sei er grantig geworden. Trotzdem habe er ihnen für 2013 grünes Licht gegeben, allerdings mit dem Zusatz «zum letzten Mal».

Der Barbesucher neben Cécile zeigt auf das kleine Backsteinhaus hinter der «Bahnkantine» (ehem. «Erlkönig»). «Die müssen definitiv Ende September 2013 raus», erklärt er. Wo jetzt noch die Samtvorhänge des «CIRQUITvulcanelli» hängen, fahren im Oktober die Bagger auf und machen alles platt. Die Lastwagen von «Losinger-Marazzi» brauchen Zugang auf die Baufelder von Norden her.

Kay, Wirt und Mieter der «Bahnkantine», hat’s da besser. Boden und Haus gehören dem Kanton. Der liess Gebäudehülle und Elektroinstallation sanieren. Kay investierte in Küche und Inneneinrichtung. Seit September 2012 läuft sein Geschäft ganz passabel, erklärt Kays Mutter, die grad Pflanzen eintopft rund um’s Haus. Ab 9 Uhr morgens sei offen. Bauarbeiter, Geschäftsleute und Anwohner fänden problemlos den Weg. Sie freut sich schon auf die 400 Kinder des Bläsischulhauses. Die Rasselbande wird nach den Sommerferien ihr Schulhausprovisorium schräg vis-à-vis der Bahnkantine bevölkern für – mindestens – ein Jahr. Kays Mutter schaut auf von der Gartenarbeit, streicht sich mit ihren schwarzen Händen die Haare aus dem Gesicht. «Ich geniesse die freie Sicht über das Gelände!», sagt sie und blickt nach Süden, Richtung «Bricks»-Baufelder. «Ich sehe fast bis nach Hause!» Dann schweigt sie. Und nur noch Vogelgezwischer und Autobahnlärm sind zu hören, beide gleich laut.

Klaus Anton, seit 1998 (!) Mitglied der «Begleitgruppe» zum Erlenmattprojekt, wartet beim hölzernen Kletterturm des Spielplatzes, mitten auf dem Areal. Grossrat Urs Müller stösst dazu. Bei der «Bahnkantine» unter den Sonnenschirmen gibt’s Cappuccinos. Klaus Anton und Antoinette Voellmy, ebenfalls langjähriges Begleitgruppenmitglied und Quartierbewohnerin, hatten Einsprachen eingelegt gegen das Baugesuch für die «Bricks»-Areale. Sie störten sich an den fehlenden Familienwohnungen und der Inexistenz eines ökologischen Konzepts im Sinne der 2’000 Watt Gesellschaft. Nach neun Monaten Funkstille erhielten sie aus dem Bauinspektorat Bescheid: Sie seien nicht einspracheberechtigt, an Oettlinger- und Efringerstrasse wohnten sie zu weit weg.

Der kürzlich preisgekrönte Park gefällt Klaus Anton gut. Aber dass beim bestehenden «Erlentor», und den kommenden Blocks auf «Bricks»-Boden, mit ca. 10’000 Quadratmetern Dachfläche, naheliegende Dinge wie Solarpanels für Strom- oder Wärmegewinnung oder eine Regenwassersammelanlage fehlen, findet er nicht nachvollziehbar.

Drei Ratschläge

Aus seiner langjährigen Erfahrung mit dem Erlenmatt-Prozess gibt er jenen, die sich bei anderen Entwicklungsgebieten – Stichwort: Hafen – engagieren, drei Ratschläge mit auf den Weg. «Der Kanton muss den Boden besitzen, um den es geht. Abmachungen zwischen Bevölkerung, Politik, Kanton und Investoren müssen präzise formuliert und transparent kommunziert werden. Und die Engagierten müssen am Ball bleiben können. Sonst geraten sie gegen die Profis aus Politik, Verwaltung und Investorenkreisen immer ins Hintertreffen.» Grossrat Urs Müller nickt zustimmend.

Die Zeit vergeht, es wird Abend auf dem Erlenmatt-Areal. Und dann plötzlich, über der Wiese des preisgekrönten Parks, aus dem Nichts aufgetaucht: abertausende Maikäfer. Teenager, die eben erst noch im Kreis auf dem Gras sassen und quatschten, springen auf, wie von der Tarantel gestochen. Die Mädchen rennen kreischend davon, die Jungs reissen sich das T-Shirt vom Leib, versuchen die Brummer damit zu erschlagen. „Die stäche, Mann!“ ruft einer tatsachenwidrig. Ist 2013 ein Flugjahr? Maikäfer, mitten in der Stadt! Ihr tiefes Brummen erfüllt die Luft. Sie fliegen torkelnd über die Wiese und durch die Büsche.

Die Katze hinter dem Balkongitter im zweiten Stock des «Erlentor» fixiert ein älteres Paar auf der Strasse. Die zwei machen ihren Abenspaziergang, beide am Rollator. Gemächlichen Schrittes gehen sie an einem jungen Pärchen vorbei, das auf einem Betonklotz sitzt. Sie ist schwanger. Auf dem Betonklotz nebenan sitzt ein anderes Pärchen. Sie ist noch nicht schwanger. Ein Grossvater schiebt einen Babywagen aus einem Erlentor-Hauseingang, darin seine bezaubernde Enkelin. Er hebt sie hoch, flüstert ihr etwas ins Ohr, und senkt sie wieder in das Gefährt. Fledermäuse huschen im Zickzack über den Abendhimmel. Mauersegler pfeilen vorbei und ziehen ihren langen, hohen Schrei hinter sich her. Im Westen leuchtet das Logo der Senf-Fabrik. Davor ragt der Abgaskamin der Autobahn nutzlos ins glühende Abendrot.

Die Beschäftigtenstatistik: ein (halb)blinder Fleck der baselstädtischen Wirtschafts- und Sozialpolitik?

BASF und andere bauten und bauen in letzter Zeit massiv Stellen ab auf dem Platz Basel. Das führt fast natürlicherweise zur Frage:

Wieviele Menschen arbeiten eigentlich in welchen Branchen in Basel-Stadt? Und wie haben sich diese Verhältnisse verändert über die letzten Jahre?

So umittelbar einleuchtend es erscheint, dass eine aktuelle, laufend nachgeführte Statistik mit den effektiven Zahlen der im (nicht beim!) Kanton Beschäftigten (vielleicht sogar aufgeteilt nach Branchen) eine relevante Kenngrösse wäre zur Beurteilung der ökonomischen Prosperität dieser politischen und wirtschaftlichen Einheit, so ernüchternd ist die Suche danach. Sie führt ins Leere! Es gibt sie nicht.

Nicht beim kantonalen Amt für Statistik. Dort gibt’s zwar eine quartalweise aktualisierte Tabelle der „Beschäftigung in der Nordwestschweiz (BESTA)„. Die „Nordwestschweiz“ ist aber der Zusammenzug der Zahlen von BS, BL und AG.

Und: Die BESTA ihrerseits beruht zudem nicht auf effektiven Zahlen, sondern auf einer

repräsentativen Stichprobe von 62’000 Betrieben des sekundären und tertiären Sektors.

Diese rapportieren per Fragebogen an das Bundesamt für Statistik, das die Daten nach Grossregionen (z.B. Nordwestschweiz = BS + BL + AG), nicht nach Kantonen (!), auswertet. Als Grund für diese geographische Unschärfe antwortet der zuständige Francis Saucy:

L’échantillon est tiré de manière à fournir des résultats fiables au niveau des grandes régions et nous produisons des résultats à ce niveau

Auf die Frage, ob sich denn aus den Daten keine Kantonszahlen extrahieren liessen, schreibt er:

Nous ne pouvons donc pas fournir des résultats pour chacun des cantons. Les cantons et grandes villes qui le souhaitent ont la possibilité de financer des compléments d’échantillon. C’est le cas de GE, NE, SG, VD et StadtZurich. Les résultats que nous produisons pour eux sont publiés directement par ces régions.

Einige Orte investieren also extra in die Beschäftigtenstatistik. Die Nordwestschweizer nicht. Ergo gibt’s die Beschäftigtenzahlen zu Basel-Stadt auch: Nicht beim Bundesamt für Statistik.

Und ebenso:

Nicht beim Amt für Wirtschaft und Arbeit. Das AWA publiziert zwar fleissig jeden Monat zur „Lage auf dem Basler Arbeitsmarkt. Aber darin steht lediglich, was sich in Sachen Arbeitslosenzahlen resp. offene Stellen tut.

Hansjürg Dolder, Leiter des AWA erklärt auf Anfrage, dass auch sein Amt die Zahlen des BfS verwende. Gefragt danach, ob eine Statistik darüber existiere, wieviele Menschen auf Kantonsgebiet arbeiteten, erklärt er,

dass es auf Kantonsniveau keine aktuelle mit den Arbeitslosenzahlen vergleichbare Zahlenreihe zur Beschäftigung gibt.

Nicht einmal der „Wirtschaftsbericht 2012“ des Regierungsrats nennt auch nur eine einzige absolute Zahl zu den Beschäftigten im Kanton. Dafür ventiliert er seeehr viiiel warme Luft! Und ohne eine einzige Zahl als Beleg orakelt er freihändig auf Seite 30:

Zudem überdeckt der Erfolg der LifeSciences-Industrie gewisse Schwächen in anderen Branchen, deren Entwicklung in den letzten rund 15 Jahren weder punkto Wertschöpfungswachstum noch punkto Beschäftigung mit der stärksten Branche mithalten konnten. Besonders bei der Beschäftigungsentwicklung weist Basel-Stadt Schwächen auf und konnte, über eine längere Frist betrachtet, nicht mit dem Nachbarkanton Basellandschaft oder mit anderen Schweizer Regionen mithalten.

In dem im August 2012 erstellten Dokument ist die aktuellste Aussage die auf Seite 1:

Die Zahl der Erwerbstätigen ist im Kanton Basel-Stadt zwischen 2008 und 2010 leicht um 0,5% p.a. gestiegen.

Natürlich ohne absolute Zahl oder Quellenangabe. Der Bericht erfüllt generell den Mindeststandard, dass Zahlenangaben per Referenz auf ihre Quelle belegt gehören, nicht. So könnte – theoretisch – der „Wirtschaftsbericht 2012“ frei erfunden sein, oder voller kreuzfalscher Zahlen stecken. Niemand würd’s merken.

Offenbar geht das so durch bei Verwaltung und Regierung. Und auch das Parlament nickte den Bericht am 12.9.2012 ab.

Peter Laube, Vize-Chef des Statistischen Amtes Basel-Stadt, erklärt die Sache freundlicherweise in einem Mail dieser Tage. Es ist so:

Zuerst zum Status Quo: Die Beschäftigungsstatistik (BESTA) ist eine vierteljährliche Stichprobenerhebung des Bundesamtes für Statistik, die Ergebnisse auf Ebene der sog. Grossregionen liefert. Die Grossregionen sehen folgendermassen aus.

Genferseeregion GE, VD, VS
Espace Mittelland BE, FR, JU, NE, SO
Nordwestschweiz AG, BL, BS
Zürich ZH
Ostschweiz AR, AI; GL, GR, SG, SH, TG
Zentralschweiz LU, NW, OW, SZ, UR, ZG
Tessin TI

Von der Möglichkeit einer kantonalen Erhöhung der BESTA-Stichprobe hat Basel-Stadt, wie übrigens die allermeisten Kantone abgesehen. Zum einen wären die Kosten sehr hoch, zum anderen die Belastung der vierteljährlich Auskunft gebenden Betriebe kaum zu verantworten. Vor allem aber kommt hinzu, dass mit der derzeitigen Neukonzeption der Betriebszählung die Beschäftigtenzahlen künftig jährlich, auch auf Kantonsebene vorliegen werden. Die Betriebszählung, neben der Volkszählung traditionell die andere grosse landesweite Vollerhebung im 10-Jahresrhythmus, fand ursprünglich in den 5-er Jahren (1975, 1985 …) statt. Um der sich schnell ändernden Wirtschaftsstruktur gerecht zu werden, wurde die Periodizität in den 90-er Jahren erhöht (1995, 1998, 2001, 2005, 2008). Mit dem Übergang von Erhebungen zu registerbasierter Statistik wurden die Daten von 2011 nicht mehr aufwändig durch das Bundesamt für Statistik bei allen Betrieben erhoben, sondern erstmals den AHV-Registern entnommen. Das ist ein Paradigmenwechsel, der zumindest in der Anfangsphase noch keine zeitliche Verbesserung bringt. Die Daten werden vorerst wie bisher nach rund zwei Jahren vorliegen, also vom Herbst 2011. Aber: Die Daten werden künftig jährlich zur Verfügung stehen und es ist davon auszugehen, dass sich die Zeit zwischen Stichtag und Publikation verringern dürfte.

Künftig werden somit jährlich detaillierte Daten zur Beschäftigung auf Kantonsebene vorliegen.

Fazit: In Zukunft wird alles besser, dank AHV-basierten Zahlen, die zu jährlichen Statistiken ausgewertet werden. Aber irgendwie bleibt ein schaler Beigeschmack zurück, dass es bis dato tatsächlich keine (mindestens quartalsweise) aktuellen, effektiven Zahlen gibt über die Anzahl Beschäftigte (wenn möglich: nach Branchen) in Basel-Stadt. Das kann, auch für Statistikskeptiker, zugespitzt fast nur eines heissen:

Das Wirtschafts- und Sozialdepartement und das Finanzdepartement fällen ihre wirtschaftspolitischen Entscheidungen (soweit sie überhaupt solche fällen) seit Jahr und Tag so gut wie im Blindflug! Für die Wirtschaftsförderung existiert kaum eine solide Erfolgskontrolle. Und: Dem Parlament war das bis anhin schnuppe.

Die Geschichte von Bäckermeister Alain Wischlen

Unbenannt
Wie das Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt mit seiner Baustellenpolitik an dieser Ecke der Stadt meinem Hausbäcker Alain Wischlen (59) (Bild: das Geschäft mit den weiss-blauen Sonnenstoren) keinen anderen Ausweg mehr liess als den Konkurs. Seine Geschichte, seine Arbeit, seine Erfahrung, seine Enttäuschung, sein Galgenhumor, seine Liebe zu Basel, seine Hoffnungen und Wünsche in seinen Worten:

UPDATE 3.12.12: Den TaWo-Artikel dazu gibt’s inzwischen hier drüben.
UPDATE 6.12.12: Und hier ein zweiter, etwas breiter gefasster über das nicht nur harmonische Verhältnis von Gewerbe und Baudepartement.

Das Millionenmolekül GMI-1070

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst
„GMI-1070“ als Drahtmodell auf dem Bürotisch von Beat Ernst.

An der Universität Basel hat der Chemiker Beat Ernst mit der Partnerfirma Glycomimetics in den USA einen Wirkstoff entwickelt, der hunderttausenden Patienten mit einer so genannten „Sichelzellenanämie“ Hoffnung macht auf Linderung ihrer Leiden. GMI-1070 hat darüber hinaus das Potenzial zu noch viel weitergehenden Anwendungen. Der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer erwarb unlängst für insgesamt 340 Millionen Dollar das Recht, die Substanz bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Diese lukrative Zusammenarbeit von Hochschule und Konzern ist ein Lehrstück über Patente, Lizenzen und Geheimverträge. Sie zeigt exemplarisch Chancen und Risiken solcher Kooperationen.
Links: Paper über Wirkung von GMI-1070 im Tierversuch; Communiqué der Uni Basel; Communiqué GlycoMimetics; Beat Ernst.

Ganz leicht gekürzt heute gesendet in „Kontext“ auf DRS2.

Und hier, vorhin grad entdeckt, ein PR-Videointerview mit Rachel King, CEO der Uni-Partnerfirma GlycoMimetics, publiziert vom Standortmarketing des US-Bundesstaates Maryland: