Bundesamt für Gesundheit BAG publiziert Bisphenol A BPA Studie zu Hautgängigkeit

Erinnern Sie sich an die Thermopapier-Kassenzettel und die Tests in Sachen Aufnahme der hormonaktiven Chemikalie durch die Haut …

beim Kantonalen Labor in Zürich anno 2010 (paper: „Transfer of bisphenol A from thermal printer paper to the skin„, Sandra Biedermann & Patrik Tschudin & Koni Grob)? Das BAG hat darauf Ende August 2012 mit einem eigenen Paper reagiert. Die Experimente dafür lagerte das Bundesamt aus zu den „Harlan Laboratories“ (die auf drei Kontinenten Tierversuche durchführen im Auftragsverhältnis), Filiale Itingen (BL). Die BAG-Publikation kostet 31.50$ auf der Site des Journals. Wer freundlich fragt, erhält sie vom BAG dennoch kostenlos zugemailt: Demierre et al 2012. Darin steht, womit und wie die Versuche durchgeführt wurden, um herauszufinden, in welchen Mengen Bisphenol A durch lebendige menschliche Haut geht:

2. Material and methods
All experiments have been done under GLP conditions at Harlan Laboratories Ltd., Itingen, Switzerland, following the OECD TG 428 (Skin absorption: in vitro method).

2.1. Human skin
Full thickness skin was obtained from 2 human cadavers. The samples were taken from the dorsal part of the upper legs. The intact skin samples were then stored at −20◦C for up to one year. After thawing, 7 skin sections of 200 um thickness were cut off from the top using a dermatome (cordless dermatome GA 643). (…)

Von der Hinterseite der Oberschenkel zweier Leichen wurden also – im Querschnitt vollständige – Hautproben genommen. Diese Proben lagerten bis zu einem Jahr bei -20 Grad. Nachdem man sie aufgetaut hatte, schnitt man von deren alleroberster Schicht (Epidermis? Stratum corneum / basale?) 7 hauchdünne (200 Mikrometer [0,2 Millimeter] dicke) Scheiben ab. Und hat mit diesen Fitzelchen experimentiert.

Wem es jetzt, als Laien wie mir, irgendwie schwer nachvollziebar erscheint, ob damit relevante Aussagen über die Verhältnisse auf der Hand und in der Haut z.B. einer Supermarktkassiererin zu erhalten sind, die tagtäglich hunderte Kassenzettel zerknüllt oder weitergibt, dem hält das BAG die OECD Richtlinie 428 („Test No. 428: Skin Absorption: In Vitro Method“) vor die Nase und sagt – zugespitzt: „Danach liessen wir Harlan vorgehen. Das ist internationaler Standard. Basta!“

Von der wirtschaftsnahen OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erhält man erfreulicherweise auf Nachfrage recht rasch die Liste der Mitglieder des Komitees, das die Richtlinie 428 verantwortet, und den Bericht über deren Entstehungsgeschichte: oecd-428. Auf Seite 34ff. finden wir dort neben einigen Fachleuten aus staatlichen Forschungsinstituten und Regulierungsbehörden auch – gleichberechtigt – Industrievertreter: Unilever, AstraZeneca, Rhone-Poulenc und Henkel.

Was die bei „Harlan Laboratoris Ltd.“ durchgeführte BAG-Studie mit ihrem Ansatz schliesslich rausgefunden hat über das Eindringen des hormonaktiven Bisphenol A durch die Haut? Das schreiben die AutorInnen bereits in den „highlights“ auf der ersten Seite:

– The aim of the study was to determine the dermal penetration rate of bisphenol A.
– The analysis has been done under GLP conditions and according to OECD guideline 428.
– The test has been performed in conditions close to reality.

„close to reality“? Naja… (siehe oben). Jedenfalls:

– The contribution of dermal exposure to bisphenol A is confirmed to be moderate.

Und der letzte Satz lautet:

In conclusion, the present study confirms that dermal exposure to BPA is moderate and contributes in a negligible way to total body burden.

Fakt ist trotzdem: Die Studie belegt, sogar mit ihren OECD-konformen „in vitro“ Methoden, dass der Stoff tatsächlich durch die Haut geht! Diese Grafik daraus…

… zeigt, wieviele % der aufgetragenen Menge nach wie lange durch die in der Studie verwendeten 7 Fitzelchen der obersten Hautschicht dringen, und damit prinzipiell zu den äussersten, feinsten Blutgefässen durchkommen.

Die European Thermal Paper Association zu BPA Bisphenol A in Thermopapier

Koehler, einer der wichtigen Thermopapierhersteller in Europa, schreibt auf seiner Website:

Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to use
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers.

Und verlinkt zum Dokument der Thermopapier-Industrieorganisation ETPA von Oktober 2010, die in Zürich bei der AC Treuhand AG (swissinfo 11.11.09: „Kartellrecht: EU büsst Ciba und AC Treuhand„) beheimatet ist. Darin sagt die Thermopapier-Industrieorganisation, ähnlich wie bereits vor 2 Jahren und im Oktober 2009 erneut, die Thermopapiere seien sicher:

Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to use
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers

Als Belege für die Sicherheit des BPA-haltigen Thermopapiers nennt die Thermopapier-Industrieorganisation:

Bisphenol A is used for a range of applications and ranks as one of the best investigated substances in the world. No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact. The Federal Institute for Risk Assessment (BfR) stated clearly in 2008 that there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A, and has recently reaffirmed this position.

Kommentar: Die ETPA verallgemeinert zu „there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A“, was das BfR spezifisch für die Tierversuchs-Studien von Stump und Ryan sagt: „Aus Sicht des BfR lässt sich aus den beiden neuen Studien kein Verdacht auf ein spezifisches schädigendes Potenzial von Bisphenol A für Verhalten und neurologische Entwicklung ableiten.“ Zudem: Die beiden Studien machen, anders als die ETPA insinuiert, keine Aussage über das „handling“ von „products which contain Bisphenol A“, sondern in den Studien wurde den Ratten BPA ins Trinkwasser gegeben. Anfang 2010 erklärte die Medienstelle des BfR auf meine Anfrage:

Das BfR hat sich mit der Bisphenol A Problematik nach Auskunft unseres Experten bisher nur hinsichtlich der oralen Aufnahme über Lebensmittel beschäftigt. Der von mir befragte Kollege sagte daher, dass er nicht beurteilen kann, wie viel von dem auf die Haut übertragenen Bisphenol A in das Blut übergeht und wie hoch die Belastung des Körpers damit ist. Deshalb kann er keine Aussagen aus toxikologischer Sicht machen, weil dazu die Konzentration über einen längeren Zeitraum im Körper abgeschätzt werden müsste, wenn man täglich mit Thermopapier umgeht. Wie vermutet wäre diese Risikoabschätzung aber eine Aufgabe des Arbeitsschutzes. Es liegen im BfR folglich keine Abschätzungen vor, welche Mengen an Bisphenol A in welcher Zeit über die Haut aufgenommen werden könnten und welche Risiken für Menschen daraus erwachsen, die täglich mit derartigen Papieren umgehen.

Und „No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact.“ ist schlicht falsch. Die ETPA schreibt weiter:

The European Food and Safety Association (EFSA), after intensive study of the scientific evidence, has also reached the same conclusion, which is reflected in the high and thus non-critical threshold value (TDI) that EFSA established for Bisphenol A already in 2006. This position was reaffirmed by EFSA on 30.09.2010 after a new round of intensive research.

Kommentar: Bemerkenswert ist an dem EFSA-Bericht immerhin, dass darin EFSA-Panelmitglied Catherine Leclerq vom „Istituto Nazionale Ricerca Alimenti e Nutrizione“ eine abweichende Minderheitsmeinung vertritt. Sie sieht in neuen Studien Grund genug, den aktuellen Grenzwert zu einem „temporären“ zu erklären. Die ETPA weiter:

The British Environmental Agency states in the Risk Assessment it issued in February 2010 that there is no risk to human health through handling direct thermal papers which contain Bisphenol A. The report also confirms that there is no risk to the environment, e.g. through the recycling of direct thermal papers.

Kommentar: Anders als die ETPA schreibt, stammt der Inhalt des Reports aus dem Jahr 2008. Im Februar 2010 wurden lediglich seine beiden Teile von 2008 in einem Dokument veröffentlicht. Neue Daten sind seit 2008 keine eingeflossen. Das steht bereits auf dem Deckblatt:

Complete risk assessment in one document (February 2010) – The risk assessment report of Bisphenol-A from 2003 has been merged with the addendum from 2008 to have all information available in one document. Within this document you will find first the Addendum from 2008 for both Environment and Human Health and then the complete RAR from 2003. The Addendum includes the summaries of all the endpoints for exposure and hazard from the 2003 RAR to which new relevant information had been added. Based on this the risk characterisation had been revised.

Und zudem macht der Report keine direkte, fundierte Aussage über das Risiko aus dem Umgang mit Thermopapier. Es steht auf S. 123 unter 4.1.1.2. Consumer Exposure:

Other uses of bisphenol-A, such as in printing inks and thermal paper, are considered to result in negligible potential for consumer exposure in comparison with the other sources considered and therefore will not be addressed further in this assessment.

Das heisst: Weil die Studie a priori davon ausgeht, das Potential für eine Exposition der KonsumentInnen sei vernachlässigbar, geht sie dieser für die ETPA zentralen Frage nicht weiter nach und kann der Organisation darum eigentlich nur sehr bedingt als Kronzeugin dienen. Jüngste Studien (und ganz aktuell auch die INRA Toulouse) zeigen, dass gerade diese a priori Annahme in Frage zu stellen ist. Und in einer Studie mit Schwangeren, die deren Blut (Korrigendum:) Urin auf BPA-Gehalt untersuchte, stellten Joe M. Braun et al. fest, dass Kassiererinnen den höchsten Wert hatten:

By occupation, cashiers had the highest BPA concentrations (GM: 2.8 μg/g).

Die ETPA weiter:
Migration tests conducted at the University of Zurich indicate that, if at all, only miniscule quantities of Bisphenol A can be absorbed through the skin and thus enter the bloodstream. These quantities are negligible when measured against the threshold value established by EFSA.

Kommentar: Anders als die ETPA in ihrem Statement behauptet („Migration tests conducted at the University of Zurich“), hat das Zentrum für Fremdstoffriskoforschung der Uni Zürich KEINE eigenen „migration tests“ durchgeführt (jedenfalls ist dem von der ETPA referenzierten Dokument nichts dergleichen zu entnehmen).
Das Statement des „Centre for Xenobiotic Risk Research“, auf das sich die ETPA bezieht, unterzeichnet von Prof. M. Arand, Prof. R. Eggen, Prof. S. Krähenbühl, Prof. H. Kupferschmidt, Prof. HP Nägeli, Prof. A. Odermatt, Prof. H. Segner, Dr. N. von Götz und Dr. Timo Buetler, beginnt im ersten Satz mit der Aussage:

In der Presse wurde vor kurzem darüber berichtet, dass Thermopapier, wie es in Kassabons verwendet wird, bis knapp 2% des Weichmachers Bisphenol A enthalten kann.

Auch wenn unter der Aussage die Namen von 9 Fachpersonen stehen: Bisphenol A ist KEIN Weichmacher. Weiter unten zitiert das Statement der Fachleute des „Centre for Xenobiotic Risk Research“ eine französische Aufnahmestudie an Schweinehaut als einziges Indiz. Dabei wären in der Fachliteratur durchaus auch Berichte über die Durchlässigkeit von menschlicher Haut für BPA zu finden, die die Fachleute aber offenbar nicht beizogen.
Schliesslich schreibt die ETPA weiter:

The German Minister of the Environment, Dr. Norbert Röttgen, stated in the Westdeutsche Fernsehen TV programme „Markt“ on 7.6.2010 that, „Bisphenol A in sales receipts is harmless, as there is no significant absorption through the skin. It has been known for a long time that Bisphenol A is present in direct thermal papers. Bisphenol A has no actute toxicity.“

Kommentar: Die Meinung des Deutschen Umweltministers in Ehren, aber solange nicht dargelegt ist, worauf er sich bezieht, kann sie nicht zur Beweisführung beigezogen werden. (Addendum: Und eine „acute toxicity“ hat der Chemikalie im Zusammenhang mit Thermopapier auch nie jemand unterstellt.)

In view of these scientific facts, ETPA considers the use of Bisphenol A for the production of direct thermal papers to be safe and responsible. Direct thermal papers are safe to use and do not pose a risk to human health or to the environment.
October 2010

Kommentar und Fazit: Die „scientific facts“, auf die die ETPA bezüglich Bedenkenlosigkeit von Thermopapier referiert, sind, gelinde gesagt, an einem sehr kleinen Ort.

NACHTRAG: Die ETPA hat auf meine Fragen hier geantwortet.

Harmlos oder giftig: Der Streit um Bisphenol A BPA

In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich relativ hohe Konzentrationen der Chemikalie Bisphenol A (BPA). BPA wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Nur wenige Sekunden Fingerkontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und teilweise in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie in WC-Papier und damit in die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot. Der Streit darum, ob BPA, ein elementarer Baustein auch vieler Kunststoffe, harmlos oder hochgiftig ist, beschäftigt Expertengremien weltweit. Eine Auslegeordnung.

So gesendet heute in Kontext auf DRS2

Uebrigens: Grad gesten hat die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit EFSA angekündigt, dass sie Anfang April ein Expertenmeeting abhält zum Thema BPA. Und auf Mai 2010 kündigt sie gleichzeitig ein neues Statement zu der Frage an.

Bisphenol A BPA in receipts gets under your skin

Receipts and toilet paper on their way to be analyzed in the Kantonales Labor Zürich

Relatively high concentrations of BPA are in many receipts and other products made out of thermal paper. New tests by a renowned swiss laboratory, reported by swiss public radio DRS1, show that only few seconds of contact with thermal paper receipts are enough to put traces of BPA on human skin from where, as very preliminary results show, it penetrates into it. Through recycling, BPA finds its way into toiletpaper and consequently into the environment. producers of thermal paper say, BPA is harmless in skin contact according to tests following to OECD-guidelines 402-406 (see Koehler, page 15) and their products are ready for recycling. critical scientists and environmental organisations demand a ban of the substance.

BPA is the central building block for many kinds of plastics. polycarbonate baby-bottles are made out of polymerized BPA. aluminium-cans and tin cans on their inside are covered with a coating based on BPA. Unpolymerized, free BPA in relatively high concentrations is present in the active coating of thermal paper. There is an ongoing dispute on the safety or unsafety of BPA, while the scientific literature on effects in vitro and in vivo amounts to a long list of observations (excerpt).

For swiss public radio DRS the food quality control lab of the swiss canton of Zurich KLZH has measured that 1% up to 1,7% (17’000 mg/kg) of the weight of the thermal papers analyzed were pure BPA. These amounts were to be expected according to numbers provided by the industry. Tests of the same lab also show that after touching these thermal paper receipts with dry fingers for 5 seconds 0,5 to 2 micrograms of BPA were found on the skin. With wet or greasy skin the transfered amount rose up to 20 micrograms. Holding the paper for longer time, up to 60 seconds, did not raise the amount measured on the fingers any more. After applying a defined amount of BPA onto the fingers, then covering the area, after 90 minutes almost no BPA was found on the skin anymore. This lead the lab scientists to the conclusion that it must have been absorbed almost completely. But the KLZH wants to emphasize that these are just preliminary tests and that the evaluation of the dermal uptake of substances is outside of its field of competences. Earlier research by other authors had already indicated that dermal uptake of BPA is possible. An expert in pharmaceutical products for dermal application confirmed that the BPA molecule had almost „ideal“ physico-chemical properties for skin penetration.

Through the recycling of thermal paper, BPA in measurable amounts (KLZH: 6 to 7 mg/kg) ends up in toilet paper, made out of recycled material. This way, BPA enters into the environment, as earlier work by Gehring et al has documented. scientific trials show, that the development of sensitive water-organisms can be heavily disturbed by minute concentrations of BPA. The swiss center for aquatic research EAWAG , who had found BPA in waste water, would like to see this leak of BPA into the environment closed. the swiss branch of the WWF demands a ban of BPA.

P.S. the idea for this research is owed to Janet Raloffs article „concerned about BPA? check your receipts!