Unser potenzieller 6. Sinn

Bienen tun es, Fledermäuse tun es, Meeresschildkröten, Vögel und Fruchtfliegen tun es: Sie benutzen das Magnetfeld der Erde als räumliche Orientierungshilfe. Wir Menschen brauchen ein technisches Gerät dazu: den Magnetkompass. Der Magnetkompass hilft uns, zum Beispiel auf hoher See, eine einmal eingeschlagene Richtung zu halten. Tiere kennen natürlich kein solches Gerät. Die auf Magnetfelder empfindlichen unter ihnen besitzen – neben den 5 Sinnen für Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten – einen sechsten Sinn: jenen für Magnetismus. Neuere Forschung deutet stark darauf hin, dass der Magnetsinn in den Augen der Tiere sitzt. Eine dieser Tage erschienene Publikation legt gar nahe, dass auch wir Menschen die Anlagen für diesen Magnetsinn, diesen sechsten Sinn, besitzen.
aktueller Bezug: Human cryptochrome exhibits light-dependent magnetosensitivity (Reppert et al. in Nature Communications)
Hintergrund: Cryptochrome and Magnetic Sensing (Schulten et al.), Animal Navigation from molecules to behaviour and cognition (Mouritsen et al.)

Hans-Peter Lipp und die Kanewsky Hypothese

oder: „Fräulein Colombas Gespür für Schwerkraft“. Verfügen die Tiere, insbesondere jene, die über weite Strecken navigieren (und heimfinden), wie die Brieftauben, über einen bisher unbekannten Sinn für die Gravitation? Der Zürcher Professor für Neuroanatomie und Verhaltensforschung Hans-Peter Lipp ist, angeregt von den Ideen des ukrainischen Physikers Valery Kanewsky (oder Kanevskyi), der Sache auf der Spur. Das ist die Schweizerdeutsche Version meines Beitrags zu dem Thema auf DRS1, programmiert auf den 12.3.2011. Siehe auch die anderen Postings im Ressort „Taube“… Auf Hochdeutsch in einer 8:33 Version publiziert auf drs2.ch.

Sammelsurium zum räumlichen Orientierungssinn der Tauben

Wenn ich schon Material sammle für einen Beitrag in Wissenschaft DRS2 und Wissen aktuell DRS1 am nächsten Samstag, basierend auf dem Interview mit Hans-Peter Lipp, kann ich die Fundstücke ja auch gleich hier hinterlegen…

Tauben – wie viele andere Vögel auch (1997) haben magnetithaltige, vermutlich magnetsensitive Zellen im Schnabel. Wird von zwei Gruppen Tauben einer Gruppe der Schnabel anästhesiert, und beide in einer magnetischen Anomalie aufgelassen, dann fliegen die Tauben mit der „tauben“ Nase direkt heim. Die anderen, die mit der sensiblen Nase, werden irritiert von der Magnetanomalie. Werden beide Gruppen ausserhalb der Anomalie hochgelassen, fliegen beide schnurstracks heim, ob sensibel oder anästhesiert. Daraus ist zu schliessen, dass magnetische Information eine Rolle spielt, aber nicht alleine. August 2010.

Tauben, deren Nerv zu den vermutlich magnetsensitiven Zellen durchtrennt ist, finden heim. Tauben, deren Geruchsnerv durchtrennt ist, finden nur sehr schwer nach Hause. Oktober 2009. Von ihnen unbekannten Abflugorten finden sie gar nicht heim, auch erfahrene Tiere nicht. Von ihnen bekannten Orten dieselben Tiere hingegen schon. 1996.

Ältere Tauben, die anästhesiert, in einem belüfteten Metallkoffer, der auf einem rotierenden Drehteller stand, zum Abflugsort gefahren wurden, fanden nach dem Erwachen dennoch nach Hause. 1996.

Tauben adoptieren einen Schlag als den ihren mit etwa 6 Wochen. Davor umgezügelt, akzeptieren sie den neuen als den Heimschlag. Danach gewöhnen sie sich nur schwer an einen neuen. 1996.

Wenn einmal ein Schlag als der eigene eingeprägt ist, bleibt er das unter Umständen ein Leben lang. Walcott berichtet anekdotisch, eine Taube, die 7 Jahre weg von ihrem Ursprungsschlag gehalten wurde, flog dennoch dorthin zurück, als sie aufgelassen wurde. 1996.

Tauben mit beschlagenen Linsen, die ihre Sicht auf markante Geländemerkmale behindern, finden dennoch nach Hause. Ebenso Tauben, deren Gehör zerstört wurde. 1996.

Tauben mit Magneten an ihren Köpfen, veränderten deswegen ihre Abflugsrichtung nur ganz leicht, wenn sie an einem klaren Tag mit sichtbarer Sonne starteten. Wenn die Sonne hinter den Wolken nicht sichtbar war, dann hingegen beeinflussten die Magnete die Abflugrichtung stark.1996.

Durch Aktivkohle gefilterte Luft am Abflugort, verhindert, dass die Tauben sich orientieren können. 1996.

Tauben können Infraschall bis 0,1 Hz hören. Vielleicht nutzen sie auch diese Fähigkeit zur Orientierung? 1996.

Kennen sie einen Ort, verhalten sie sich anders: Bei einer magnetischen Anomalie aufgelassen, orientieren sie sich beim zweiten Mal besser als beim ersten Mal. 1996.

Tauben folgen auf ihrem Weg nach Hause auch mal Autobahnen und Zugsgeleisen, auch wenn sie das unter Umständen einen Umweg fliegen lässt. 2004.

Ein Inertialsystem als Basis für die Vogelnavigation hielt Keeton 1974 für unmöglich. Allerdings sagte er schliesslich: „It’s impossible to prove that something is impossible“, und liess damit die Möglichkeit offen.

to be continued!

Was Taube, Wal und Erdbeben verbindet – neue Hypothesen über den tierischen Orientierungssinn


Ein Hintergrundgespräch mit Hans-Peter Lipp, dem Leiter der Abteilung „Neuroanatomie und Verhaltensforschung“ des Anatomischen Institutes der Universität Zürich über u.a. seine Beobachtung, dass die „Unebenheiten“ des Schwerefeldes der Erde die Flugroute von Brieftauben zu beeinflussen scheinen. Lässt sich bestätigen, dass Vögel und andere Tiere eine Art biologisches Trägheitsnavigationssystem besitzen, wäre das eine mittlere Sensation, nahe an einem Paradigmenwechsel! Und eröffnete eventuell den Weg zu neuen Einsichten, wie Zugvögel, Fische, Wale usw. sich im Raum orientieren und ihre Wanderungswege bestimmen. Angeregt zu seinen Versuchen haben ihn die unkonventionellen Ideen des ukrainischen Physikers Valery Kanewsky. Disclaimer: Die ganze Sache ist noch unpubliziert, insofern handelt es sich hier um ein work in progress! Bild: CC @ flickr.